Vendetta 
     von Susanna Erb

    So und nicht anders mußte der befürchtete unausweichliche Weltuntergang sein: ein Super-GAU im Zentrum der Seele! Vergeblich hatte sie eineinviertel Jahre lang auf ihren Prinzen gewartet. Sie hatte sich an seine Versprechungen geklammert wie der Lungenkranke an seine Sauerstoffflasche. Ihre Warnlampen mußten defekt gewesen sein, sonst hätte sie spätestens nach dem dritten Aufsitzer aufgemerkt und Alarm geschlagen. Man durfte den Ernst des Lebens nicht verträumen. Nun saß Prinzeßchen in der Falle. Was half es ihr nun zu wissen, daß auch eine Alarmanlage sachkundiger, pfleglicher Wartung bedarf?! Sie hatte all ihre Energien und Phantasien auf ihn konzentriert und in ihrer Ahnungslosigkeit den Unfall höchstselbst determiniert. So hatte Fortuna leichtes Spiel gehabt. Das grausame Leben hatte zugeschnappt und hatte sich ihre zarten Illusionen und rosaroten Wünsche mit giftigen Bissen einverleibt. 
    „Nein“, hatte er lakonisch geantwortet, als sie ihren süßen Frosch ein allerletztes Mal zu küssen versucht hatte . Es war ein präzises, berechnendes, ein tötendes „Nein“.  Es riß eine kratertiefe Wunde in ihr liebendes Herz und entfesselte eine Wut, die sie einerseits schockierte und andererseits zu befreien versprach. Die Detonation hatte sie in eine andere Welt hinein katapultiert. Sie fühlte nur noch diese ekelhafte Erregung, jenen zum Gegenangriff aufrüstenden, flammenheißen Zorn, der nicht nach Ursache und Opfer forscht, der blind aus taubem Herzen emporsteigt, der den eigenen Schmerz narkotisiert. 
    Mit ihrer Landung im Neuland der Gefühle hatte sich ihr Ziel pfeilschnell gewandelt.  Aus den Kußgelüsten war erbarmungsloser Rachedurst geworden. Sie gönnte ihm keinen weiteren Atemzug unter der Sonne. Sollte er doch im Hades für seine Grausamkeit büßen! 
    Ihre flinke Beobachtungsgabe vereinfachte ihr die Durchführung ihrer Pläne. Er hatte nie bemerkt, daß sie seiner einzigen wirklich verwundbaren Stelle angesichtig geworden war. Dieses kleine, schwarze Fleckchen in seinem strahlenden Antlitz hatte einst seinen Liebreiz noch gesteigert. Erst die Wut offenbarte ihr die Wahrheit. Diese tosende Wut enthüllte plötzlich den dunklen Schatten jenseits des so liebenswert geglaubten Males. Es blitzte auf in seiner Transparenz und umriß scharf die gespenstischen Formen seiner Kellerleichen. 
    Nie hatte sie sich so stark gefühlt, so selbstbewußt und sicher. Man mußte sie für eine andere halten. Und das wollte sie sich zunutze machen. 
    Von nun an würde sie diesen aufgeblasenen Frosch verfolgen, ihm den Kopf verdrehen, ihn mit Leckerbissen, denen er niemals widerstehen könnte, locken, um sie ihm im rechten Moment wieder zu entziehen. Sie würde sein Schmachten nach einem Kuß, sein Flehen belächeln, ihm die schwierigsten Bedingungen auferlegen, und nach deren Erfüllung seine Erlösung erst recht vereiteln. Wie eine Marionette würde sie ihn an ihrer Schnur zappeln lassen und seine Eitelkeit brechen. Spätestens  dann würde keine Frau diesen hinfälligen, rückgratlosen Möchtegernprinzen noch eines einzigen Blickes würdigen!
    Sie hatte viel Zeit, ihm die Luft abzulassen.
    Triumphierend schlüpfte sie in ihr aufreizendstes Kleid, malte ihre Augen tausendschön und stelzte erhobenen Hauptes davon, Gerechtigkeit zu üben.