|
||
| Vor 10 Jahren entstand ich völlig ungeplant und absichtslos in den frühen Morgenstunden eines kalten Wintertages und wußte nichts von meiner Bestimmung. „Eine Brücke“, sagten, die mich gegründet hatten ohne ersichtlichen Grund und ich erinnerte mich dunkel an meine Ahnen. „Eine Brücke“? wollte ich sie fragen, denn ich fühlte mich zutiefst mißverstanden in meinem Auftrag. Doch sie waren zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als daß sie mir ein Quentchen Aufmerksamkeit hätten schenken können. Ich nahm mir vor, ihnen gut zuzuhören, sie zu beobachten, um meiner Daseinsberechtigung auf die Spur zu kommen. „Unsere Brücke“, schwärmten sie in ihren Telefongesprächen und auch, wenn sie einander schrieben oder in den Armen lagen. Ich vermißte meine Fixpunkte aus Beton, die mir, gleich meinen Ahnen, jene Sicherheit und Gelassenheit vermittelt hätten, die mir zum Glück noch fehlten. Ich vermutete einen Fehler im genetischen Code. Ich sah die Ufer nicht, die ich verbinden sollte, noch wußte ich, wie lang, wie hoch und wie belastbar ich war. Sie maßen mich mit der Unberechenbarkeit und Weltfremdheit Verliebter und pflanzten mich mal hier, mal dorthin, wie es ihnen gefiel. Bei Nacht führte ich ihre Sterne zusammen und bei Tag die roasroten Wölkchen im Sonnenuntergangslicht. Ich trug Gedanken und Gefühle hin und her, spedierte Wünsche und Enttäuschungen, Kapricen, Illusionen und Begierden. Ich vereinigte Augen, Ohren, Hände und Herzen. Mal maß ich viele tausend Meter, mal nur zwei, und manchmal schrumpften sie gar meine Pfeiler auf nur einen einzigen zusammen, indem sie, ineinander geschachtelt, auf meinem Einbein in den Himmel wuchsen. An jedem neuen Gestade winkten neue Gerüche, Farben und Geräusche, wechselten die Ausblicke, die Einblicke und die Wetterlagen und so wurde ich im Tempo ihrer Launen Zeuge meiner Berufung. Vorgestern rollten sie den roten Teppich aus auf meinem Rücken und gestern drohten sie mir mit Verrat. Was würde morgen sein? Ich wußte lange nicht, was besser war: die Langeweile der Gewohnheit zu ertragen oder dem Schicksal Dank zu huldigen für mein Auserwähltsein. Eines Tages spürte ich sicher, daß mein geduldiges Ausharren sich gelohnt hatte. „Nun ist sie schon 10 Jahre alt, unsere geliebte, treue Brücke“, jubelten sie und veranstalteten mir zu Ehren ein großes Fest. Sie steckten mir zehn große, rote Kerzen auf und sangen für mich, sie luden ihre Gäste ein, auf mir Platz zu nehmen, auf mir zu tanzen. Ihre Schmeicheleien weckten meinen Stolz und meine Würde und mischten sich mit einer plötzlich aufblitzenden Lust zur Rebellion. Wieviel Liebe brauchte es eigentlich für einen Titel? Bis auf den heutigen Tag war ich zur Namen- und Wesenlosigeit verdammt. Alle meine Ahnen hießen so oder so. Doch ich? Gestärkt durch meine
Ehrung wuchs ich über mich hinaus, entzog mich erstmals ihrem Willen
und beschloß ad hoc, im Brockhaus Einzug zu halten zwischen der
Golden Gate Bridge und dem Regenbogen. |