Eine Krone 
     von Susanna Erb

    Wieder einmal hatte er sich eine neue Krone gegönnt. Stolz erhobenen Hauptes schritt er kokett dahin, seine noch unberührte Pracht zur Schau tragend. Am Abend funkelte sie im Schein der Kerzen und des tags blitzte sie im Licht der Sonne. Die trüben, grauen Regentage, an denen sonst seine schlechte Laune regiert hatte, erschienen ihm nun hell und glänzend wie wolkenlose, blaue Sommertage. Die neue Krone zählte eine Zacke mehr als die zuvor gehabte und ihre Spitzen ragten höher noch empor. 
    Sein strahlendes Antlitz spiegelte den Prunk seines Schmuckstücks wider, ja es polierte gar sein alterndes Profil auf. 
    Die Krone schmückte ihn so selbstverständlich wie es eben unverdiente Liebe tut. Er plusterte sich auf in seinem taufrischen Glück, das er als Lohn für seine edle Gesinnung empfand. „Wer was geleistet hat, verdient auch Ruhm“, zitierte er Schiller.
    Er servierte seiner Angebeteten auf dem Silbertablett die Keuschheit seiner Seele und stimmte vor Entzücken erregt ein Loblied an auf die Frau, seine Frau, als die Krone des Mannes, seine Krone. 
    Sie blickte ergeben auf ihn herab und tauchte ihre vor Rührung feucht schimmernden Augen in die seinen. Er glaubte ihrem Blick genauso wie er seiner Überzeugung glaubte. Sie sah es wohl und freute sich darüber, gar so leichtes Spiel zu haben. „Meine Krone, meine Krone“, imitierte sie ihn mokant, und dabei reckte sie ihr Haupt in vollkommene Höhen. 
    Am Abend bettete er sie in eine Samtschatulle, verabschiedete sie zärtlich zur Nacht und deckte selbstzufrieden sein blütenweißes Hemd über sie. Nachdem er sie Morpheus‘ Armen anvertraut hatte, begab er sich selbst ins Leben. 
    Als er sich am nächsten Morgen in ihre Zierde kleidete, spürte sie sofort sein Zittern, das zu einem beängstigenden Beben schwoll. „So nicht“, dachte sie. Sie spreizte und wand sich unter seinen Händen, gab sich zugleich aufreizend und spröde, lockte ihn und stieß ihn von sich, bis er um Gnade bettelte. 
    Da griff sie beherzt zum Rotstift und strich die Krone aus dem Duden, aus dem Leben, aus dem Sinn, bereit zur Wiedergeburt als Frau, und nur als Frau.