Indianersommer -  März 2002
      von Bettina Rosky



    Indianersommer

    "Ich geh hin. Mit meinem Bruder."
    Wir saßen auf der Klopfstange in Morbachs Hof und besprachen das Interessanteste, was es derzeit zu besprechen gab: das Kino. Seit neuestem war da ein Kino in unserer Stadt, und jeden Tag machten wir den Umweg durch die Krimstraße, an den Schaukästen vorbei; Lex Barker mit dem Lederhemd, Pierre Brice auf einem schwarzen Pferd. Auf dem Bürgersteig nahmen wir Haltung an und übten den ehrenvollen Brudergruß, den das Plakat zeigte. Nachmittags versammelten wir uns haufenweise am Froschwäldchen und spielten nach, was die beiden in unserer Phantasie erlebten, gruben Kriegsbeile aus, stellten Viehdiebe und retteten Frauen aus der Gewalt böser Männer, die ihre Kutsche überfallen hatten. Und natürlich erschossen wir einander. Wir schossen mit allem, was der Wald hergab, nur Dieter nicht, der hatte ein echtes Plastikgewehr. Cowboy und Indianer, das war das Spiel jenes Sommers, und ich, das einzige Mädchen in der Blutsbruderschaft, hatte soeben mein Ansehen gewaltig gesteigert.
    "Ich geh hin. Mit meinem Bruder."
    Ganz unvermittelt hatte ich das gesagt, war beinah selbst überrascht, als ich die Worte aus meinem Mund hörte. Stefan war sofort im Bilde; was sollte ich anderes meinen, als dass ich tatsächlich ins Kino gehen würde, um den Film zu sehen, DEN FILM!, der unsere Träume erfüllte…
    "Kann ich mitkommen?"
    Damit hatte ich nicht gerechnet. Dass er neidisch sein würde, ja, dass er mir nicht glauben würde, vielleicht, auf beides war ich vorbereitet. Jetzt galt es, irgendeine Ausflucht zu finden, denn mein Bruder hatte natürlich nichts Derartiges versprochen.
    "Du kannst doch mit einem von deinen Brüdern gehen", versuchte ich erstmal, obwohl ich genau wußte, von denen würde keiner ins Kino gehen, erst recht nicht mit Stefan. Seine Brüder lungerten den ganzen Tag im Stadtpark herum, tranken Bier, das sie beim Süßen August kauften, und riefen den Leuten, die auf den Bus warteten, Frechheiten zu. Oft waren Mädchen dabei, die saßen dann bei Siggi und Manni auf dem Schoß, rauchten und ließen sich küssen. Wenn wir nicht Indianer spielten, belauerten wir sie manchmal, hockten hinter dem Ehrenmal und guckten zu, wie sie den Rauch tauschten, einander in den Mund bliesen, Siggis Hand unter dem Pullover der Blonden, und sie lachte und zog wieder an ihrer Zigarette. Diese Brüder waren wild und grob und beinahe erwachsen, sie brauchten ihr Geld für Bier und Zigaretten, und keiner von ihnen würde mit dem kleinen Stefan irgendwo hingehen, sie interessierten sich nicht die Bohne für ihn. Dass ich sagte 'Geh doch mit deinen Brüdern hin!' war also kein ernstgemeinter Vorschlag, und er ließ Stefan sofort verstummen. Ich ging nach Hause und war erstmal gerettet.

    Das waren komische Leute, die Morbachs. Es hieß, sie hätten 13 Kinder, aber ich kannte nur Stefan, Manni, Siggi, Eva, das Baby Thomas, der schon Onkel war, als er auf die Welt kam, weil Eva auch ein Kind hatte, aber das war nicht da, man wusste nur von ihm, doch es lebte irgendwo anders. Und Manuela, die Manu genannt wurde. Sie hatte langes braunes Haar, das nach allen Seiten herunterhing, auch über ihr Gesicht, und ich wunderte mich, dass ihre Mutter das erlaubte. Meine kam immer sofort mit der Schere, wenn mein Pony bis an die Augenbrauen reichte. Manu hatte sich angewöhnt, alle 30 Sekunden den Kopf in den Nacken zu werfen, um wieder freie Sicht zu haben. Ich fand die Bewegung toll und übte sie vor dem Badezimmerspiegel. Bei mir sah es ganz anders aus, überhaupt nicht erwachsen. Ich hatte ganz kurze Haare. Mein Opa nannte mich 'Fritzchen'.

    In ein paar Tagen sollte die Schule wieder anfangen, die Oberschule, und zuhause war man sich beinah einig, dass ich jetzt ein Kleid bräuchte. Meine Oma verteidigte zwar die rote Cordlatzhose wie ein Löwin, denn sie hatte sie selbst genäht, aber Mama entschied, die könne ich wohl noch zum Spielen anziehen, doch für die Oberschule müsse ein Kleid her.
    "Ich könnte ihr auch eins nähen", versuchte Oma, um 'das Geld beisammen zu halten', wie sie es nannte, aber Mama war unerbittlich und bestand auf C&A. Als wir am Abend nach Hause kamen, trug ich sogar zwei Kleider in einer Plastiktasche, ich trug sie selbst, war zur Überraschung meiner Mutter sehr zufrieden mit ihrer Wahl. Ja, ich hatte mir gut gefallen vor dem Spiegel in der Umkleidekabine, und die Verkäuferin meinte, wenn ich mir die Haare wachsen ließe, sähe ich noch süßer aus.
    "Morgen ziehe ich das Gelbe an", sagte ich.
    "Nein", widersprach Mama, "am ersten Schultag, vorher nicht."
    Aber dann, als sie mittags auf der Couch im Wohnzimmer lag und sich ausruhte, zog ich das Kleid heimlich doch an und lief runter zu Stefan. Ich war geübt im Heimlichtun, so vieles musste heimlich geschehen; das Lesen der MickyMaus-Hefte, bei COOP geklaut, aber auch die Besuche bei Stefan.
    "Ich hab das nicht so gern, wenn du da hingehst", meinte Mama, "die sind asozial."
    "Was ist denn asozial?" fragte ich.
    "Das ist, wenn man sein Leben nicht im Griff hat. Guck sie dir doch an, die beiden Großen, sitzen den ganzen Tag im Stadtpark bei den Pennern! Und das Mädchen - na, wie die rumläuft! So ungepflegt! Und keiner kümmert sich drum!"
    Das stimmte. Stefans Eltern hatte ich noch nie gesehen. Ob sie immer im Haus saßen, in einem der drei kleinen Zimmer, von denen er mir erzählt hatte? Hinter den gelblichen Gardinen war es dunkel. "Manchmal gehe ich in den Keller", hatte Stefan mir verraten. "Da hab ich mir ein Zimmerchen gebaut. Ganz gemütlich. Nur für mich allein."
    "Darf ich es mal sehen?"
    "Nicht heute", hatte Stefan gesagt, "das Baby ist krank." Das Baby war immer krank.

    Ich lief also runter, das neue Kleid flatterte um meine Schenkel, und um die Beine floss so viel Luft; ich hüpfte, ich sprang, ließ den Rock hochfliegen und wackelte beim Gehen mit dem Hintern, so dass mich der Saum an den Knien kitzelte. Ich probierte alles aus, was man mit einem Kleid machen konnte, mit einer Latzhose jedoch nicht. Ich pinkelte bei Heiders in den Garten und war viel schneller fertig als sonst.
    Stefan hing falschrum an der Teppichstange, sein Kopf war schon ziemlich dunkelrot.
    "Ich häng hier schon seit 2 Uhr", sagte er. "Meine Beine kribbeln so. Wie siehst du denn aus?"
    "Neues Kleid", sagte ich, als ob es ganz unwichtig sei, und versuchte, mich neben ihn zu hängen. Es ging nicht. Die Haut in den Kniekehlen drehte sich irgendwie um die Stange und tat weh, als mich mich runterließ, und der Rock fiel mir übers Gesicht.
    "Blöd mit dem Kleid!" stellte Stefan fest.
    "Meine Mutter wollte, dass ich es anziehe", sagte ich und setzte mich auf das Mäuerchen. "Komm runter!"
    Stefan zeigte einen perfekten Abgang, aber kein Wunder, der übte ja auch jeden Tag. Er hockte sich neben mich.
    "Was ist jetzt eigentlich mit Kino?" fragte er. "Wann geht ihr denn?"
    Er brauchte ein Zückerchen. "Keine Ahnung, nächste Woche vielleicht. Kannst du eine Schlinge knoten?" lenkte ich ab. "So eine echte, wie am Galgen? - Ich aber. Hat Rainer mir gezeigt. Da legt man das Seil erst so zusammen, dann kommt das hier fünfmal rum und unten durch, und wenn du dann an dem einen Ende ziehst…" Ich zeigte das alles mit einem unsichtbaren Seil, und Stefan schaute interessiert zu.
    "Noch mal!" forderte er begeistert.
    "Also hier zusammen…" fing ich an.
    "Moment! Ich hol mal eben Manus Springseil, dann zeigst du mir das richtig!" Und er verschwand unter der Treppe, war in drei Sätzen zurück und überreichte mir einen zwei Meter langen Strick.
    "Also hier zusammen…" Und so verbrachten wir den Rest des Nachmittags. Mein Kleid, dessen Wirkung ich überschätzt hatte, war vergessen, aber das meinem Bruder abgerungene Wissen um das Knüpfen einer Galgenschlinge ließ mich in Stefans Augen umso begehrenswerter erscheinen.

    Ein paar Tage später war er grade dabei, Jan und Henrik die Schlinge zu erklären, als ich auf den Hof kam. Er machte es ganz prima, ruck-zuck, seine Hände bewegten sich genauso schnell wie die meines Bruders. Er hatte bestimmt viel geübt. "Und dann gibt es so eine Klappe unten", sagte er mit düsterer Stimme, "die machen sie auf, dann fällst du runter, und grrrk! zieht sich die Schlinge zu!" Die Zwillinge zuckten zusammen. Stefan bemerkte es. "Ihr seid zu klein für sowas!", sagte er und warf das Seil hinter sich. "Maria und ich, wir gehen bald ins Kino! Mit ihrem Bruder! Aber der Film ist erst ab zwölf!" Davon wusste ich nichts. Wenn das stimmte, dann dürfte ich auch nicht rein. Stefan, ja, der schon! Aber irgendwie war ich sicher, dass er das nur erfunden hatte. Er erfand öfter was, über Geburtstagsfeiern oder Geschenke, die er bekommen habe, aber leider nicht rausholen dürfe. Das war nichts Besonderes. Wir hatten alle viel Phantasie. Ich forschte auch nicht nach, wollte sowieso lieber über was anderes reden.
    "Gehen wir zum Froschwäldchen?" fragte ich, aber in diesem Moment kam Eva nach Hause, Stefans älteste Schwester, die Mutter des nicht vorhandenen Babys. "Komm mit rein!" befahl sie, und Stefan gehorchte. Ich stand mit den Zwillingen noch eine Weile im Hof, man hörte Stimmen, und als das Brüllen und Poltern anfing, hauten wir ab. Wir hauten immer ab, wenn es losging.

    Am nächsten Morgen war ich krank. Lag drei Tage im Wohnzimmer und hörte Radio, und meine Mutter brachte mir ein MickyMaus-Heft aus der Stadt mit. Auf einmal waren die endlosen Ferien zusammengeschnurrt zu einem winzigen Wochenende, das noch zwischen dem Indianersommer und meinem ersten Schultag lag, dem ersten Tag am Gymnasium, dem ersten Tag ohne Stefans Gesellschaft in der Pause. Wir hatten einander schon im Frühling versprochen, Freunde zu bleiben, was heißt "versprochen", wir hatten es geschworen und ein entsprechendes Papier mit Blutstropfen unterzeichnet. Besagtes Schriftstück war feierlich in einer Keksdose verstaut und am Schatzinselteich vergraben worden, wie es sich gehört, und ein paar Wochen lang hatten wir es dauernd ausgegraben, um zu sehen, ob das Blut hielt, was es versprach, nämlich: Für immer.

    Aber dann kam alles anders. Als am Sonntag die Kirche aus war, parkte ein Krankenwagen vor Morbachs Haus, ein Polizeiauto gesellte sich dazu, und auf dem Bürgersteig standen eine Menge Leute rum. Irgendetwas war passiert, und es war bei Morbachs passiert, kein Zweifel. Mama erlaubte nicht, dass ich bei den Zwillingen stehen blieb, sie zog mich nach Hause. "Das geht uns gar nichts an!" sagte sie. "Ist bestimmt wieder einer die Treppe runtergefallen", sagte sie später zu Oma. Ganz komisch sagte sie das. Ich hatte Angst, dass es mein Freund Stefan sein könnte, der die Treppe runtergefallen sei, und schlich nach dem Kaffeetrinken zu Reichels, um die Zwillinge auszuhorchen. Aber die erzählten nur, dass es wirklich Stefan gewesen sei, der gut zugedeckt in den Krankenwagen getragen und weggebracht worden war.

    Am Abend wussten wir es: Stefan war tot. Er habe im Keller mit einem Seil gespielt und sich aus Versehen erhängt. Ein Stuhl habe da gelegen, und Stefan hing am Heizungsrohr, und Manuela wars, die ihn gefunden hat, das arme Mädchen, und bestimmt sei das nicht mit Absicht passiert, der sei wahrscheinlich zu oft im Kino gewesen, der habe das nur nachgespielt, dummes Kind, keine Ahnung, wie gefährlich so was ist! Und niemand, auch mein Bruder nicht, niemand ahnte, dass ich es gewesen war, die Stefan die Schlinge beigebracht hatte, die er so geschickt knüpfen konnte wie ein Westernheld.