Eine Jesusweihnacht -  Februar 2003
      von Tim Liedtke

    1. Kapitel


    Es war ein gewöhnlicher Morgen in Nazareth. Auf dem Marktplatz herrschte ein ziemliches Gedränge. Es war neue Ware aus dem fernen Rom eingetroffen. Viele Frauen waren noch damit beschäftigt, die Arbeit, die am Sabbat liegen geblieben war, zu erledigen, während ihre Männer zur Arbeit gingen.
    So auch Josef, ein selbständiger Schreiner mit eigenem Betrieb inklusive fünf Angestellten und einem Lehrling.
    Das Geschäft lief dieser Tage sehr gut. Sie kamen kaum noch mit dem Produzieren von Möbeln nach, und Josef überlegte, ob er noch zwei weitere Arbeiter einstellen sollte.
    "Guten Morgen, Chef," begrüßte ihn der Lehrling, als er die Werkstatt betrat.
    "Guten Morgen, Joscha. Ist denn noch keiner hier?"
    "Doch, aber sie sind alle am Marktplatz. Dort ist ein Botschafter von Kaiser Augustus mit einer Nachricht. Ich sollte hier warten und Ihnen davon erzählen", sagte Joscha aufgeregt.
    "Warum bin ich wieder der letzte, der davon erfährt, gottverdammt?", fluchte Josef.
    "Ich glaube nicht, dass es gut ist, solche Wörter zu benutzen. Der liebe Gott hört alles!", sagte Joscha, erschüttert über das, was Josef gerade gesagt hatte.
    "Ich scheiß´ auf Gott! Entweder, du gewöhnst dich an meine Ausdrucksweise, oder du suchst dir lieber eine andere Ausbildungsstelle. Haben wir uns verstanden? Und jetzt stehe hier nicht so rum, wir müssen zum Marktplatz!"
    Josef verließ die Werkstatt, gefolgt vom eingeschüchterten Joscha.

    Als sie am Marktplatz angekommen waren, sahen sie, dass sich eine große Menschenmenge um einen Reiter versammelt hatte. Anscheinend hatte er seine Botschaft noch nicht vorgelesen. Da kam Josef eine Idee. Er suchte nach seinem Geldbeutel und zählte sein Geld.
    "Könnten Sie mich bitte durchlassen. Danke. Oh, Entschuldigung, ich wollte Ihnen nicht auf den Fuß treten. Machen sie doch bitte Platz!"
    Mit großer Anstrengung schaffte es Josef, bis zu dem Reiter vorzudringen, und sprach ihn an:
    "Entschuldigen Sie bitte, vielleicht könnten Sie mir helfen?"
    Nach einem kleinen Gespräch ging Josef mit einem zufriedenen Lächeln zurück in die Menschenmenge und rieb sich die Hände. Der Reiter begann zu sprechen:
    "Der Große Kaiser Augustus veranstaltet eine Volksschätzung, um herauszufinden, wie viele Untertanen ihm gehorchen. Aus diesem Grund wird jedem befohlen, in seine Heimatstadt zu gehen, um sich dort schätzen zu lassen. Wer aus Nazareth stammt, dem soll gesagt sein: Qualitätsarbeit muss nicht teuer sein. Josefs Schreinerei bietet eine gute Qualität zu einem noch besseren Preis. Josefs Schreinerei liegt direkt in der Nähe dieses Marktplatzes. Ihr müsst euch nur durchfragen."
    Josef stand in der Menschenmenge und rieb sich immer noch die Hände.
    "Oh, ich sehe schon, das war eine gute Investition. Aber ... Moment mal ..."
    Das Lächeln auf seinen Lippen erstarb, und seine Hände rieben sich immer langsamer.
    Anscheinend war die Bedeutung der ersten Wörter, die der Reiter gesprochen hatte, zu ihm durchgedrungen.

    Als Josef wieder in die Werkstatt kam, wurde er mit Applaus begrüßt.
    "Das war die beste Idee, die Sie in letzter Zeit hatten. Wir haben auf einen Schlag zehn neue Aufträge erhalten," sagte Jakob, sein ältester Mitarbeiter.
    "Ja, ich weis. Es ist eine Katastrophe", sagte Josef niedergeschlagen.
    "Eine Katastrophe? Wieso?"
    "Wir sollen uns doch für diese blöde Zählung ihn unsere Heimatstadt begeben ..."
    "Ja, und wo ist das Problem?", fragte Joscha.
    Josef winkte ihn zu sich und verpasste ihm eine Ohrfeige.
    "Weil ich nicht aus Nazareth komme, du verdammter Idiot!", schrie Josef.
    "Es scheint, als müssten wir die Werkstatt für einige Zeit schließen."
    "Aber das geht nicht. Wie sollen wir dann die ganzen Aufträge bewältigen?", fragte Jakob, gefolgt von einem zustimmenden Murmeln der restlichen Angestellten.
    "Es gibt vielleicht noch eine Möglichkeit. Wer von euch muss auch noch Nazareth verlassen?" Josef klang jetzt schon wieder ein wenig hoffnungsvoller.
    Er sah sich in der Werkstatt um und stellte fest, dass keiner seine Hand gehoben hatte.
    "Oh, schön. Nun, es sieht so aus, als könntet ihr den Betrieb weiterführen, solange ich nicht da bin."
    Ein Lächeln kehrte auf sein Gesicht zurück, und er fing wieder an sich die Hände zu reiben.
    "Warum sagst du nicht einfach, du stammest aus Nazareth?" fragte Joscha, der darauf seine nächste Ohrfeige einstecken musste.
    "Hör zu, du Trottel. Seit die Römer von Augustus regiert werden, machen sie mir hier keinen Ärger mehr, und ich will ihnen keinen Grund geben, das zu ändern", sagte Josef aufgebracht.
    "Außerdem stamme ich vom Geschlecht Davids ab. Es ist also reine Ehrensache, dass ich nach Bethlehem reise. In die Stadt Davids, meinem Geburtsort", fügte er voller Stolz hinzu.
    "Und nun genug geredet! Macht, dass ihr wieder an die Arbeit kommt. Zeit ist Geld. Jakob, du kommst zu mir. Wir haben etwas zu besprechen."
    "Ja, Chef, was gibt's?", fragte Jakob.
    "Nun, da ich für eine Zeit nicht anwesend sein werde, musst du hier die Leitung übernehmen und aufpassen, dass alles wie gewohnt weiterläuft."
    Aus einer Ecke der Werkstatt drang ein Schmerzensschrei zu ihnen.
    "Ach ja, und pass bitte auf, dass Joscha sich nicht gleich umbringt, wenn er eine Säge anfasst", fügte Josef hinzu.

    "Maria, du musst unsere Sachen zusammenpacken", rief Josef, als er das Haus betrat.
    "Wieso? Haben deine Kunden mitbekommen, dass du nur billiges und qualitativ minderwertiges Holz für deine Möbel verwendest?", fragte Maria.
    "Wirst du wohl ruhig sein!"
    "Also, worum geht es denn dann?"
    "Wir müssen nach Bethlehem reisen, um uns dort schätzen zu lassen", erklärte Josef.
    "Sicher, sieh mich an! Ich bin im neunten Monat schwanger, und du willst mit mir auf eine Reise gehen, die mehr als eine Woche dauert? Ich stamme noch nicht mal aus Bethlehem!"
    "Gut, hör zu", sagte Josef ruhig.
    "Erstens stamme ich aus Bethlehem, zweitens bist du meine Frau und hast zu tun, was ich sage, und drittens habe ich mit dem Kind nichts zu tun. Beschwere dich doch bei seinem Vater. Sag ihm doch, er möge dir ein Zeichen geben, ob du mitkommen sollst."
    Ohne etwas darauf zu erwidern, fing Maria an, zu beten. Josef stand mit verschränkten Armen daneben und sah ihr zu. Im Haus herrschte Stille. Nur draußen von der Straße drangen Stimmen an ihr Ohr.
    Kaum hatte Maria ihr Gebet beendet, klopfte es an der Tür.
    Beide drehten erschrocken ihre Köpfe zur Tür. Josef ging hin und machte auf.
    Joscha stand vor der Tür, und bevor er wusste, wie ihm geschah, bekam er auch schon eine Ohrfeige.
    "Erschreck mich nicht noch mal so!", ermahnte ihn Josef.
    "Aber..aber..ich habe doch nichts gemacht. Ich wollte nur sagen, dass ich den Esel für euch besorgen konnte", sagte Joscha, überrascht von der Ohrfeige.
    "Danke!", sagte Josef und schlug die Tür zu.
    Von draußen hörten sie noch, wie Joscha aufschrie, als die Tür vor sein Gesicht schlug.
    "Wenn das kein Zeichen war!", sagte Josef.
    "Das war kein Zeichen. Ihr habt das abgesprochen", sagte Maria wütend.
    "Er hätte auch sagen können, dass er keinen Esel auftreiben konnte. Dann hätte ich dich hier gelassen. Also pack schon mal die Sachen. Ich kümmere mich um den Rest."

    Als der nächste Morgen anbrach, waren Maria und Josef schon losgezogen. Am fünften Tag erreichten sie Jericho.
    "Wenn man schon in der Nähe ist", sagte Josef, "sollte man sich auch die Sehenswürdigkeiten angucken."
    So verbrachten sie einen Tag lang damit, sich die Ruinen der Mauer von Jericho anzuschauen, und
    am Abend hörten sie sich ein Posaunenkonzert an.
    Den neunten Tag ihrer Reise verbrachten sie in Jerusalem. Josef fiel auf, dass wegen dieser Schätzung unheimlich viele Leute unterwegs waren. Bisher hatte Josef es immer geschafft, ein Zimmer in einer Herberge zu bekommen. Er dachte schon daran, nach seiner Rückkehr in Nazareth auch eine Herberge zu eröffnen. Er hatte Visionen, wie er lächelnd vor seiner eigenen Herberge stand und sich die Hände rieb, während die Gäste ein- und ausgingen und ihr Geld bei ihm ließen. So auch am letzten Abend in Jerusalem.
    Josef saß in einer kleinen Weinschenke, als sich ein junger Mann zu ihm setzte.
    "Guten Tag! Auch unterwegs wegen dieser Schätzung?", fragte der Mann.
    "Was...äh...wie bitte? Oh ja, ja", sagte Josef, der durch diese Frage aus seiner Vision herausgerissen wurde.
    "Kommen Sie, ich gebe Ihnen einen aus", bot der Mann an.
    "Oh, gerne!"
    "Sind Sie allein unterwegs?"
    "Nein, nein. Meine Frau reist mit mir", antwortete Josef.
    Sie tranken beide ihren Wein, und es war nicht gerade Josefs erster.
    "Das ist ein göttlicher Wein", sagte der Mann.
    "Glauben sie an Gott?", fragte Josef.
    "Oh, natürlich! Wer glaubt denn nicht an Gott?"
    "Ich", sagte Josef. "Ich glaube nicht an ihn. Ich weiß, dass es ihn gibt. Meine Frau ist von ihm schwanger."
    "Das ist Gotteslästerung, oder sind Sie ein Anhänger dieser römischen Gottheiten?", sagte der Mann.
    "Ich bin Anhänger von überhaupt keiner Gottheit. Die können mir alle gestohlen bleiben!"
    "Wie können Sie so etwas sagen, wenn Sie zu wissen behaupten, dass es Gott gibt? Noch dazu, wo Sie behaupten, Ihre Frau sei von ihm schwanger?"
    "Pass auf! Stell dir vor, deine Verlobte erzählt dir eines Morgens, dass sie ein Kind von Gott erwartet. Was würdest du dazu sagen?"
    "Ich würde ihr nicht glauben."
    "Genau. Wer würde das auch? Auf jeden Fall stellt sich heraus, dass sie tatsächlich schwanger ist, und das, obwohl Sie sie nicht einmal angefasst haben. Was würden Sie dann denken?", fragte Josef.
    "Dass sie tatsächlich von Gott geschwängert wurde", antwortete der Mann.
    "Das ist nicht Ihr Ernst?" fragte Josef ungläubig. "Sie würden nicht glauben, Ihre Frau sei Ihnen untreu?"
    "Nein, wenn ich eine Frau hätte, würde ich ihr vertrauen."
    "Beneidenswert. Auf jeden Fall dachte ich mir, sie hätte mich betrogen. Es wäre schlecht für meinen Ruf gewesen. Sie wissen schon. Ein uneheliches Kind, das noch nicht einmal von mir ist ... Ich bin Unternehmer, das wäre schlecht fürs Geschäft gewesen."
    Josef trank noch etwas Wein und fuhr dann fort.
    "Es gab nur zwei Möglichkeiten. Die erste war, Maria zu heiraten und das Kind als meines auszugeben, was mich natürlich eine Menge Geld gekostet hätte. Die zweite Möglichkeit war, Maria sitzen zu lassen."
    "Sie haben sich natürlich für die erste Möglichkeit entschieden", vermutete der Mann.
    Josef nahm noch mal einen großen Schluck aus seinem Weinkelch.
    "Nein, je mehr ich darüber nachdachte, desto besser gefiel mir die zweite Möglichkeit. Also packte ich eines Nachts meine Sachen und verließ das Haus. Raten Sie, was dann passierte!"
    "Sie überlegten es sich anders und kehrten zu ihrer Frau zurück?"
    "Ich wünschte, ich hätte Ihren Optimismus. Nein, ich ging nicht zurück. Zumindest nicht sofort. Also, kurz nachdem ich aus dem Haus kam, sagte eine Stimme zu mir: Josef beweg deinen Arsch zurück in die Hütte, bevor ich wütend werde. Ich habe dich auserwählt, der irdische Vater meines Sohns zu sein, und du solltest diese Ehre annehmen.
    Und ich rief in die Dunkelheit: Ach ja, und was, wenn ich nicht in das Haus zurückgehe?'
    Ich habe danach nie wieder einen Blitz so nah neben mir aufschlagen sehen.
    Ich ging also ins Haus, weckte Maria und fragte, ob sie mich heiraten wolle."
    "Eine schöne Geschichte."
    Der Mann wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel.
    "Wissen Sie was? Für diese Geschichte gebe ich Ihnen noch einen aus."
    "Wie heißt du eigentlich?" fragte Josef.
    "Mein Name ist Matthäus. Mein Freund Lukas und ich sind hier auf der Durchreise. Vielleicht können wir euch begleiten.
    "Tut, was ihr nicht lassen könnt. Ich muss jetzt gehen. Wir wollen morgen früh aufbrechen."
    Josef stand auf und wankte zur Tür.
    "Warten Sie, ich bringe Sie zu Ihrer Herberge. Dann weiß ich auch, wo wir morgen auf Sie warten müssen", sagte Matthäus und lief hinter Josef her.

    Der Aufbruch am nächsten Tag musste auf den Mittag verschoben werden, da Josef wohl etwas mehr Wein getrunken hatte, als gut für ihn war.
    Als er und Maria auf die Straße traten, erkannte er Matthäus, der mit einer anderen Person gegenüber der Herberge saß.
    "Oh, sieh mal, Josef, dort drüben sitzt der Mann, der dich gestern zur Herberge gebracht hat", sagte Maria wie zur Bestätigung.
    "Ich geh´ jetzt den Esel aus dem Stall holen. Warte hier!", sagte Josef.
    Matthäus stand auf und kam zu ihm herüber.
    "Hallo, kennen Sie mich noch? Sie haben mir gestern in der Taverne ihre Geschichte erzählt. Wissen Sie noch?"
    "Hör zu. Wenn du meiner Frau irgendetwas von dem erzählst, was du von mir weißt, bringe ich dich um. Verstanden?"
    "Das versteht sich von selbst", bestätigte Matthäus.
    "Aber wir dürfen sie doch wohl noch begleiten?"
    "Muss das sein?"
    "O ja, wissen Sie, ich würde gerne ihre Geschichte aufschreiben und veröffentlichen", sagte Matthäus.
    Josef warf ihm einen bösen Blick zu.
    "Natürlich werde ich es etwas verschönern. Sie könnten berühmt werden. Das wäre doch gut für ihr Geschäft, oder nicht?"
    Josef blieb stehen und dachte händereibend über die Idee nach.
    "Aber ich möchte vorher deine Geschichte lesen. Haben wir uns verstanden?"
    "Kein Problem!"
    Matthäus streckte Josef seine Hand hin.
    "Nun gut, über die Einzelheiten reden wir später", sagte Josef und schlug ein.

    Die Reise verlief größtenteils ohne Zwischenfälle.
    Josef wünschte sich nach einiger Zeit, er hätte Matthäus und Lukas nicht mitgenommen. Die beiden fingen langsam an, mit ihrer Fragerei zu nerven. Sie wollten jede Kleinigkeit wissen, und zwischendurch musste Josef die beiden durch Gesten oder Zwischenrufe zum Schweigen bringen, da sie anfingen, die falschen Fragen zu stellen.
    Gegen Mittag verursachte Maria große Verwirrung, als sie verkündete, dass ihre Wehen eingesetzt hätten.
    Nach einem kleinen Anfall von Panik, die die Männer heimsuchte, wurde die Reise nun in einem etwas schnelleren Tempo fortgesetzt. So erreichten sie kurz nach Sonnenuntergang Bethlehem.
    Es waren kaum noch Menschen auf der Straße, dennoch fand Josef einen Mann, der ihm weiterhelfen konnte.
    "Entschuldigung, wissen Sie, wo es hier eine gute Herberge gibt?", fragte Josef.
    "Ihr wollt noch einen Platz in einer Herberge? Seid Ihr verrückt? Da hättet Ihr eher kommen sollen. Seit Tagen ist hier alles ausgebucht. Wegen dieser Schätzung. Ihr wisst schon, oder?" antwortete der Passant.
    "Ja, wir wissen", knurrte Josef leicht gereizt.
    "Aber meine Frau liegt gerade mitten in den Wehen. Sollen wir etwa hier draußen übernachten?"
    "Nun, wer zu spät kommt, den bestraft das Leben."
    "Du eingebildetes, arrogantes Arschloch! Du hältst dich wohl für einen Klugscheißer! Pass auf, dass das Leben dich jetzt nicht straft!", brüllte Josef.
    Doch Matthäus und Lukas hatten schon geahnt, was passieren würde. Beide liefen zu Josef, als dieser ansetzte, auf den Mann loszugehen. Jeder packte einen seiner Arme und hielt ihn fest.
    Der Mann lief schnell in die Dunkelheit, während Lukas und Matthäus noch mit Josef kämpften.
    "Toll gemacht, Josef. Irgendwann bringst du uns mit deinem Temperament noch in Teufels Küche", sagte Maria.
    "In dieser Stadt bekommen wir sowieso keine Unterkunft mehr, abgesehen davon, dass hier gleich ein paar Wächter auftauchen, und ich möchte mein Kind nicht in einem Gefängnis zur Welt bringen."
    "Ja, Maria hat Recht. Wir können aber nur gehen, wenn du dich beruhigt hast, Josef ", sagte Lukas.
    "Mir geht es gut. Ihr könnt mich loslassen", versicherte Josef nicht ohne einen Rest von Ärger in der Stimme.
    Lukas und Matthäus sahen sich kurz an und ließen ihn dann los.
    "Ok, überlegen wir einmal. Kurz vor der Stadt gab es doch einen kleinen Schuppen. Ich denke, dort könnten wir die Nacht verbringen."
    Josef wandte sich Lukas und Matthäus zu.
    "Ihr beide solltet versuchen, einen Arzt oder so etwas zu finden."
    Er wollte sich grade zum Gehen wenden, da fiel ihm noch etwas ein:
    "Wenn euch jemand nach mir fragt, ... ihr kennt mich nicht."
    "Als ob wir uns wegen dir in Gefahr bringen würden!", rief ihm Matthäus nach.

    Josef und Maria erreichten kurze Zeit später den Schuppen. Wie sich herausstellte, wurde er als Stall benutzt. Der ganze Boden war mir Heu bedeckt, eine Futterkrippe stand mitten im Raum, und der Ochse, als einziger Bewohner des Stalls, schaute kurz zu Josef auf, setzte aber kurz darauf seinen Gedankengang über den Sinn des Lebens fort.
    Josef hob Maria vom Esel und trug sie in den Stall, wo er sie vorsichtig ins Heu legte.
    Ihre Wehen kamen inzwischen in kleineren Abständen. Zu klein, wie Josef fand.
    Als er sah wie Maria schweißgebadet und mit Schmerzen im Heu lag, begann sich sein schlechtes Gewissen zu regen.
    "Es tut mir leid", sagte Josef, als er sich neben sie setzte.
    "Das hier hast du nicht verdient. Du hast mich nicht verdient. Es gibt bessere Männer als mich. Ich meine, hätte ich mich besser unter Kontrolle, dann wäre manches anders verlaufen. Und sicher zum Besseren. Ich meine nicht nur heute. Eigentlich, seit ich denken kann. Nun sitzen wir hier, in diesem dreckigen Stall."
    Er machte eine kleine Pause und sah zu Maria.
    "Wie hältst du es bloß mit mir aus?"
    "Gar nicht", antwortete Maria, und ein vages Lächeln zeichnete sich in ihrem schmerzverzerrtem Gesicht ab.
    "Verzeihst du mir?", fragte Josef.
    Statt einer Antwort griff sie nach seiner Hand und hielt sie fest.
    "Es tut mir leid", wiederholte er. Und für einen Moment herrschte fast völlige Stille in der Scheune.
    "Wie romantisch", unterbrach eine Stimme die Ruhe.
    Maria und Josef schauten beide in die Richtung, aus der die Stimme zu kommen schien.
    In der Tür stand eine Person mit männlicher Gestalt in einem weißen Gewand. Flügel zeichneten sich im Hintergrund ab.
    "Wer ... Wer ... Wer bist du?", fragte Josef überrascht.
    "Oh. Wie unhöflich von mir! Mein Name ist Gabriel. Deine Frau müsste mich schon kennen. Ich brachte ihr die Nachricht von ihrer Schwangerschaft."
    "Maria hat mir von Eurem Gespräch erzählt. Was wollt Ihr hier?" fragte Josef.
    "Den Sohn meines Herren zur Welt bringen. Was sonst?"
    "Entschuldige meine dumme Frage", erwiderte Josef mit einem sarkastischen Unterton.
    "Nichts für ungut. Pass auf, Josef, ich kann dich jetzt hier nicht gebrauchen. Wie wäre es, wenn du mal kurz vor die Tür gehen könntest?", sagte Gabriel.
    Josef sah zu Maria.
    "Geh nur", sagte sie.
    Ohne ein weiteres Wort stand Josef auf und verließ die Scheune.
    Er setzte sich draußen vor den Stall und wartete. Von drinnen war nichts mehr zu hören.
    Das wunderte Josef, denn bei dem Stall handelte es sich hauptsächlich um ein paar eilig zusammengehämmerte Bretter. Er legte sein Ohr gegen die Tür und lauschte. Stille. Nach einer Viertelstunde hatte er dann genug.
    "Eins, zwei, drei! Ob fertig oder nicht, ich komme", sagte Josef laut.
    Er packte nach dem Türgriff. Doch bevor er ihn erreichte, ging die Tür auf.
    Josef konnte ihr grade noch ausweichen und sprang rückwärts gegen die Schuppenwand.
    Ein helles Licht drang durch die offene Tür, als Gabriel daraus hervortrat.
    Er hob ein kleines Bündel in die Höhe und rief "Sehet, euch ist der Heiland geboren!"
    Während Gabriel sprach, erschien es Josef, als würde er im Hintergrund einen Chor hören, der diese durchaus dramatische Situation mit seinem Gesang unterstützte.
    Plötzlich fiel dem Erzengel auf, dass seine Darbietung nicht die gewünschten Reaktionen auslöste.
    "Josef?", fragte er.
    Das Licht um Gabriel erlosch und die Stimmen hörten auf zu singen.
    "Ich bin hier drüben an der Wand", sagte Josef.
    "Oh, nun ja. Dein Adoptivsohn ist zur Welt gekommen, er heißt Jesus."
    Gabriel reichte Josef das Bündel.
    "Ich denke, du solltest jetzt zu Maria gehen, während ich die frohe Botschaft in der Welt verkünde."
    "Tu, was du nicht lassen kannst." Josef nahm das Bündel entgegen und ging zur Scheune.
    "Wir sehen uns noch!", sagte Gabriel und verschwand.
    "Hoffentlich nicht", sagte Josef mit einem flehenden Blick zum Himmel.
    Dann betrachtete er das Bündel. Der Junge schlief.
    "Heiland!" Verachtung schwang in Josefs Stimme mit.
    "Wegen dir habe ich all diese Strapazen auf mich genommen? Du bist ein verdammt …"
    Das Kind auf seinem Arm wachte auf und gähnte. Es sah Josef kurz an.
    In diesem Augenblick passierte etwas, das er unbedingt vermeiden wollte. Er mochte das Kind.
    "… niedliches Kind", setzte er seinen Satz fort. Jesus drehte sich und schlief weiter.

    Auf einem Feld vor Bethlehem lagerten ein paar Hirten. Zwei saßen am Lagerfeuer und hielten Wache, während die anderen schliefen.
    "Gib mir mal den Wein!", sagte der erste Hirte.
    "Sollten wir nicht noch ein paar Holzscheite ins Feuer legen?", fragte der zweite Hirte.
    "Jup!", lautete die knappe Antwort des ersten Hirten, der sich grade darauf konzentrierte, keinen Wein zu verschütten. Der zweite Hirte warf noch ein paar Holzstücke ins Feuer. Plötzlich erhellte sich das ganze Feld.
    Der zweite Hirte starrte ungläubig auf das Holzstück, das er noch in der Hand hielt, und dann auf das Feuer.
    Schließlich kam sein vom Wein beeinflusster Verstand zu der Überzeugung, dass er kein Holz mehr nachlegen brauchte. Die anderen Hirten erwachten durch das helle Licht aus ihrem Schlaf und hörten von irgendwo her einen Chor singen. Gabriel erschien über dem Feuer und sagte mit gebieterischer Stimme:
    "Sehet, heute Abend wurde euch der Heiland geboren."
    Allgemeine Verwirrung machte sich unter den Hirten breit, bis der erste die Initiative ergriff.
    "Mach das Licht aus, ich will schlafen", sagte er und warf seinen Hirtenstab in die Richtung des Erzengels.
    "Ja, genau. Ich will auch schlafen", stimmte ein anderer Hirte zu.
    Ein weiterer Stab flog in Gabriels Richtung, und anscheinend wollten noch viel mehr Hirten schlafen.
    Das Licht verblasste, und der Chor verstummte.
    "Banausen!", sagte der Erzengel beleidigt und verschwand.
    Der erste Hirte sah in seinen Becher und kam zu dem Schluss, dass er für heute genug Wein getrunken hatte.
    Der zweite Hirte sah auf das Feuer und kam zu dem Schluss, dass er vielleicht doch noch ein paar Scheite nachlegen sollte.

    Drei Gestalten kamen grade in Bethlehem an. An und für sich nichts Ungewöhnliches.
    Doch diese Gruppe zog die Aufmerksamkeit der umstehenden Leute auf sich, denn einer von ihnen war dunkelhäutig. Eine kleine Gruppe neugieriger Personen scharte sich um die Fremden.
    "Was gucken die uns so an?", fragte Melchior.
    "Ich glaube, es ist seine Hautfarbe", sagte Caspar.
    "Oh, sicher. Jetzt bin ich es wieder gewesen", erwiderte Balthasar beleidigt und drehte sich der Zuschauermenge zu.
    "Yo, yo, yo, was gibt es hier zu gucken? Noch nie einen Schwarzen gesehen, oder was? Ich hasse es, so angestarrt zu werden!"
    Für einen Moment war es still in der Straße, und alle sahen ihn jetzt an.
    "Das reicht. Guckt weg, Guckt weg. Hier gibt es nichts zu sehen. Weitergehen!", rief er und versuchte seine Worten mit entsprechenden Gesten zu unterstützen. Die Menge starrte ihn immer noch an.
    "Ihr habt es so gewollt. Wer von euch will als erstes?", sagte er zornig und zog die Ärmel seines Mantels hoch.
    "Was ist hier los?", fragte eine andere Stimme hinter den drei Reisenden.
    Anscheinend veranlasste die Stimme, dass sich die Menge äußerst schnell auflöste.
    "Ihr habt wohl Angst bekommen?", rief Balthasar ihnen hinterher
    "Äh, Balthasar! Sieh dir das mal an!", sagte Caspar.
    "Habt ihr gesehen, wie die gerannt sind? Die wussten ganz genau, dass man mit so einem wie mir nicht spaßen kann. Ich hätte sie… Oh!"
    Während Balthasar die Ärmel wieder geradezog, drehte er sich um und blieb entsetzt stehen.
    Hinter ihnen hatte sich eine Gruppe römischer Soldaten versammelt, die sie mit ernsten Minen ansahen.
    Schließlich ergriff Melchior das Wort.
    "Entschuldigen Sie die Störung zu so später Stunde. Wir wollten keinen Ärger machen. Nur unser Freund hier ist immer etwas nervös, wenn er von so vielen Leuten angeguckt wird."
    "Da hat er verdammt recht. Ich kann ja so was von nervös werden!", pflichtete ihm Balthasar bei.
    "Wir kamen, um euren König zur Geburt seines Sohnes zu besuchen", sagte Caspar.
    Die Wachen beobachteten sie weiterhin misstrauisch.
    " Und wir haben Geschenke mitgebracht", fügte Balthasar hinzu.
    Die Soldaten horchten auf.
    "Was sind das für Geschenke?", fragte einer.
    "Gold, Weihrauch und Myrrhe."
    "Hat er Gold gesagt?", fragte ein Soldat, der weiter hinten stand.
    "Ja, er hat Gold gesagt."
    "Viel Gold?"
    "Ich frag mal nach. He, ihr Drei! Ist es viel Gold?"
    "Kaum der Rede wert für einen König. Nur drei Kisten voll."
    "Passt auf. Ihr helft ein paar armen Soldaten mit einer Spende in Form von … sagen wir mal, ähm…, einer Kiste Gold, und dann werden wir sehen, ob wir euch zum König führen."
    "Das ist Erpressung", sagte Balthasar sofort.
    "Anderseits", sagte der Soldat " seid ihr hier fremd und reist mit solch kostbaren Gütern rum. Vielleicht seid ihr auch Verbrecher und wir beschlagnahmen alles, während ihr ins Gefängnis wandert ... ?"
    "Gebt uns bitte einen Augenblick Bedenkzeit," sagte Melchior.
    Die Drei stellten sich zusammen und senkten die Köpfe.
    "Also, was denkt ihr, wie unsere Chancen stehen", fragte Caspar.
    "Wir sollten sie fertigmachen."
    "Nein, Balthasar. Du kannst nicht alles mit Gewalt lösen."
    "Ah, hat der weise Herr Melchior eine bessere Idee?"
    "Ja, wir geben ihnen etwas Gold und wir sind unsere Probleme los."
    "Bist du verrückt? Du gibst ihnen das Gold und dann siehst du sie nie mehr wieder. So sieht es aus", sagte Balthasar wütend.
    "Genau, ich und Balthasar werden jetzt handeln", stimmte Caspar wütend zu.
    "Macht keine Dummheiten!"
    "Du kennst mich doch!", sagte Casper mit einem unschuldigen Lächeln.
    Melchior hielt sich die Augen zu, als Caspar und Balthasar auf die Soldaten losgingen.

    "Meine Güte, wo sollen wir in dieser Stadt um diese Zeit einen Arzt finden", fragte Lukas.
    "Die schlafen doch alle schon. Bis wir einen Arzt gefunden haben, ist es vielleicht zu spät. Was ist, wenn das Kind stirbt?"
    "Es wird nicht sterben, es ist Gottes Kind. Warum sollte er ein Kind zeugen? Um es bei der Geburt sterben zu lassen? Wohl kaum. Wenn Gott wollte, dass wir einen Arzt finden, würde er uns ein Zeichen geben", versuchte Matthäus ihn zu beruhigen.
    "Was ist denn da hinten los? Da scheint jemand Ärger mit den Wächtern zu haben. Könnte das das Zeichen sein, von dem du sprachst?"
    "Wer weiß? Gottes Wege sind unergründlich. Lass uns mal hingehen."
    Lukas und Matthäus sahen gerade noch, wie zwei Personen auf die Wächter zustürmten, anscheinend, um sie anzugreifen. Da sie das Überraschungsmoment auf ihrer Seite hatten, schafften sie es, zwei Wächter kurzzeitig auszuschalten, indem jeder von ihnen einen gezielten Schlag ins Gesicht bekam. Bevor die übrigen Wächter reagierten, ging noch ein dritter zu Boden, der mit einem gezielten Tritt zwischen die Beine nicht gerechnet hatte.
    Eigentlich war es schon erstaunlich, dass sich die beiden mit zehn Wächtern gleichzeitig anlegten, aber dass sie daraus auch noch einen Vorteil zogen, war schon fast wie ein Wunder.
    Doch inzwischen hatten die Wächter begriffen, welche Frechheit die beiden besaßen, indem sie eine Übermacht angriffen. So etwas konnte und durfte nicht geduldet werden. Aber als die Wächter zum Gegenangriff ansetzten, wurde alles in ein helles Licht getaucht. Die am Kampf beteiligten Personen hielten in der Bewegung inne.
    Dann hörten sie einen Chor, der immer lauter wurde, und Lukas beobachtete, wie auch der Mann, der sich während des Kampfes die Augen zugehalten hatte, jetzt sehen wollte, was um ihn herum geschah. Mitten in diesem hellen Licht stand eine Gestalt und sie rief:
    "Sehet, heute Abend wurde euch der Heiland geboren!"
    "Meintest du so ein Zeichen?", fragte Lukas.
    "Im Prinzip schon. Vielleicht hätte ich mit weniger gerechnet."
    "Gottes Wege sind unergründlich."
    "Du sagst es, Lukas. Du sagst es."
    Die Gestalt verschwand, der Chor wurde leiser, und letztendlich fand die Umgebung zur ihrer normalen Beleuchtung zurück.
    "Was hatte dieses Zeichen wohl für eine Bedeutung?", fragte Matthäus.
    "Ganz einfach", sagte Lukas, "wir brauchen keinen Arzt mehr zu holen."
    "Das könnte es sein. Lass uns zum Schuppen gehen!"
    Und so machten sich Lukas und Matthäus auf den Weg zurück zum Stall.
    Die Kämpfenden waren immer noch wie paralysiert von dem eben Geschehenen, das sie gerade eben beobachten durften.
    Doch letztendlich waren es die Römer, die als erste ihre Geistesgegenwärtigkeit bewiesen und die beiden Unruhestifter überwältigten. Nachdem Melchior, Caspar und Balthasar überwältigt und gefesselt waren, steckte man sie in ein Gefängnis.
    "Ihr wollt den König sehen? Ihr werdet den König sehen. Morgen früh lassen wir euch nach Jerusalem bringen", sagte der Hauptmann und drehte sich zu einem Wächter um, der hinter ihm stand.
    "He, du! Ab sofort bist du für diese Gefangenen verantwortlich und hast dafür zu sorgen, dass sie unbeschadet nach Jerusalem kommen."
    "Ich? Warum ich?", fragte der Wächter erschrocken. "Ich bin nur ein einfacher Soldat, ich sollte keine Verantwortung tragen."
    "In dem Fall sind Sie gerade befördert worden. Ich muss jetzt nach Hause, meine Verletzung auskurieren." Mit einem kurzen Handgriff überprüfte er das Vorhandensein seiner im Kampf schwer getroffenen Genitalien.
    Der Wächter, nennen wir ihn Carlonius, schaute in die kleine Zelle, aus der ihm Caspar und Balthasar zugrinsten, was ihm noch mehr Unwohlsein bescherte.

    Gabriel besuchte an diesem Abend noch eine Person. König Herodes persönlich.
    Natürlich mit demselben dramatischen Auftritt und sprach dieselben Worte wie schon oft bevor:
    "Sehet, heute abend wurde euch der Heiland geboren!"
    Herodes saß etwas versteift auf seinem Stuhl. Es geschah nicht alle Tage, dass aus dem Nichts eine Kreatur erschien und ihn ansprach.
    "Wer bist du?", fragte er vorsichtig, als fürchte er, von diesem Wesen jeden Moment getötet zu werden.
    "Ich bin ein Gesandter Gottes."
    Ein Gesandter Gottes! Jetzt fühlte sich Herodes etwas sicherer. Er brachte den Göttern immer regelmäßig und viele Opfer. Eventuell wollten ihn die Götter belohnen. Er fiel vor Gabriel auf die Knie.
    "Was wünschen die Götter von mir?"
    "Nicht Götter. Ich diene Gott."
    Oh, er dient nur einem Gott. Vielleicht Mars. Herodes mochte den Kriegsgott, denn seiner Meinung nach war Gewalt immer ein gutes Mittel zum Zweck.
    "Was wünscht der große Mars von mir?"
    "Verdammt, hörst du mir nicht zu. Ich rede von dem Einen Gott", sagte Gabriel etwas ungeduldig.
    Der eine Gott. Jetzt war Herodes alles klar.
    "Jupiter, der Oberste Gott. Lässt er dich für ihn zu mir sprechen?", fragte Herodes hoffnungsvoll.
    Die erste Reaktion des Engels überraschte Herodes, denn dieser schlug sich mit der Hand vor die Stirn, enttäuscht über die Dummheit Herodes´ und noch mehr enttäuscht darüber, dass es eigentlich sein Fehler war, zu glauben, dass Römer Götter religiöser Minderheiten, seinen Chef, als den einzigen Gott wahrnahmen.
    Gabriel erhob die Stimme, der Thronsaal war vollerleuchtet, und der Chor, welcher im Hintergrund erklang, erschien Herodes unsagbar laut. Doch nicht so laut und furchteinflößend wie die Stimme Gabriels.
    Dieser sprach: "Ich bin ein Gesandter des Gottes der Juden. Und heute kam sein Sohn zur Welt. Jesus von Nazareth, König der Juden, wie er in Zukunft genannt werden wird, und ich bin hier, um es dir und dem Rest der Welt zu verkünden."
    Und mit einem Mal wurde es ruhig. Herodes stand eingeschüchtert in seinem Thronsaal, der nun wieder leer war.
    Einzelne Wörter gingen ihm durch den Kopf. Hatte das Wesen gerade eben wirklich behauptet, ein König sei geboren worden? Ein neuer König? Jemand der ihm den Platz streitig machen könnte?
    Vielleicht hatte er in letzter Zeit einfach zu viel gearbeitet, so dass er jetzt schon Wahnvorstellungen hatte.

    Josef saß im Stall und beobachtete Maria und das Kind beim Schlafen
    "Na, wie gefällt dir unser Sohn?", fragte er mit nach oben gewandtem Blick.
    "Ich freue mich sehr über meinen Sohn", erklang die Antwort in Josefs Kopf.
    "War nur Spaß. Natürlich wirst du sein irdischer Vater sein. Vielleicht sollten wir versuchen, ab jetzt besser miteinander auszukommen. Was sagst du dazu?"
    "Wie großzügig von dir. Ach, nun gut, … Frieden!"
    Es herrschte wieder Stille, abgesehen von den Geräuschen, die von den Tieren oder den schlafenden Menschen gemacht wurden.
    "Was veranlasst dich eigentlich dazu, ein Kind in die Welt zu setzen?"
    "Es sind die Menschen", antwortete die Stimme in Josefs Kopf. "Ihr Glauben an mich schwindet, und mein Sohn, …ähm, entschuldige bitte, ich meine natürlich unser Sohn wird den Menschen helfen, ihren Glauben an mich zu erneuern."
    "Ha, das ich nicht lache!" sagte Josef höhnisch. "Wann warst du das letzte Mal im Tempel? Dort sind Hunderte von Gläubigen, die dir Opfer bringen, während die Priester erzählen, wie groß und mächtig du bist. Also was willst du erneuern?"
    "Genau das ist es, was ich meine. Sie opfern und beten, weil sie es für nötig halten, und nicht, weil sie daran glauben. Das gilt natürlich nicht für alle. Was die Priester angeht, so sind sie die schlimmsten von allen. Sie nutzen ihren Einfluss auf die Gläubigen aus, um daraus ihren persönlichen Vorteil zu ziehen. Das ist nicht das, was ich wollte."
    "An so etwas hättest du denken sollen, bevor du die Menschen geschaffen hast. Zumindest hättest du den Baum der Erkenntnis woanders pflanzen sollen."
    "Ja", bestätigte ihm die Stimme "vielleicht war das mein erster und größter Fehler. Aber obwohl die Menschen vom Baum der Erkenntnis gegessen haben, lernen sie nichts dazu. Egal was ich mache, ob es nun eine Flut ist oder irgendwelche Plagen, immer wieder wenden sie sich von mir ab."
    "Was erwartest du von den Menschen, bei so einer Gewaltherrschaft?"
    "Du hast ja Recht. Aber Jesus ist mein letzter Versuch, die Menschen zur Vernunft zu bringen, und er wird äußerst friedlich sein. Du und Maria, ihr werdet schon dafür sorgen. Deshalb habe ich euch ausgewählt."
    Josef wurde klar, dass er sich in Zukunft etwas ändern musste. Als Vorbild für den Sohn Gottes hing es auch von ihm ab, wie sich Jesus in Zukunft verhalten würde. In diesem Moment stellte sich ihm eine entscheidende Frage.
    "Und wenn er es nicht schafft?"
    "Dann kann es Tausende von Jahren dauern, bis die Menschen zur Vernunft kommen, und bis dahin werde ich kaum noch genug Macht haben, um sie zu retten. Wenn es sich dann noch lohnt ..."
    Ausgerechnet er sollte den Sohn Gottes erziehen. Die Zukunft der Menschheit. Zumindest konnte er ihm beibringen, wie man Möbel herstellt und repariert. Das kann selbst dem Sohn Gottes nicht schaden.
    "Wirst du dich ihm zu erkennen geben, wenn es soweit ist?", fragte Josef.
    "Das werde ich, sobald er alt genug ist, das zu verstehen. Und bis dahin werde ich mich auch nicht mehr bei euch melden."
    Josef spürte, dass er jetzt wieder allein war. Er sah zu Maria und Jesus, die immer noch friedlich schliefen.
    Er legte sich neben sie ins Heu und dachte an das soeben geführte Gespräch.
    "Warum ich?", war das letzte, was er sagte, bevor er einschlief.

    Am nächsten Tag machte sich Herodes immer noch Gedanken über die Erscheinung des vorigen Abends, bis ihn ein Klopfen aus seinen Gedanken riss.
    "Herein!", rief er, froh darüber, dass ihn der Besuch von seinen Gedanken ablenken könnte.
    "Entschuldigen Sie die Störung", sagte die Person, die gerade den Raum betreten hatte.
    Ein Wächter. Herodes konnte sich nicht erinnern, ihn schon einmal gesehen zu haben.
    "Wer seid Ihr und was wollt Ihr?"
    "Mein Name ist Carlonius. Ich komme aus Bethlehem und bin hier stellvertretend für meinen Vorgesetzten, um Bericht über einen tätlichen Angriff auf unsere Wachmannschaft zu erstatten."
    Der reichlich nervöse Wächter spielte die ganze Zeit mit seinem Helm, den er beim Eintreten abgenommen hatte, während er versuchte, jeden Blickkontakt mit dem König zu vermeiden.
    "Was ist denn mit deinem Vorgesetzten passiert?"
    "Er wurde bei dem Angriff verletzt. Er wurde an einer … einer … wie soll ich sagen?"
    "Stottere nicht herum, sag es einfach!", herrschte ihn Herodes an.
    "Er wurde an einer äußerst empfindlichen Stelle getroffen." Während der Wächter diese Worte sprach, machte er eine unmissverständliche Geste in Richtung Geschlechtsteile.
    "Verstehe", sagte Herodes. "Was habt Ihr mit den Unruhestiftern gemacht?"
    "Nun, nachdem wir sie überwältigt hatten, brachten wir sie in eine Zelle. Wahrscheinlich Verrückte. Sie wollten euren Sohn besuchen."
    "Aber ich habe doch gar keinen Sohn!"
    "Das haben wir ihnen auch versucht zu erklären. Sie sagten er sei gestern Abend geboren worden und brachten Geschenke für ihn mit."
    Herodes dachte an die Erscheinung von letzter Nacht. Vielleicht waren diese Unruhestifter gar nicht so verrückt und konnten ihm ein paar Fragen beantworten.
    "Ich werde sie heute Abend verhören, dann kann ich immer noch entscheiden, was ich mit ihnen mache. Wegtreten, Soldat!"
    Nachdem Carlonius dankbar den Thronsaal verlassen hatte, machte sich Herodes noch mehr Gedanken als vorher.
    Soviel zur Ablenkung, dachte er sich.

    "Alles begann damit, dass ich eine Vision hatte", begann Melchior. "In dieser wurde mir gesagt, dass ein großer König geboren wird, der den Lauf der Geschichte verändern wird, und ein Stern würde mir den Weg zeigen.
    So erwachte ich in der Nacht und durchsuchte den Himmel nach neuen Gestirnen. Tatsächlich entdeckte ich einen Stern, der heller leuchtete als alle anderen. Ich beobachtete ihn die ganze Nacht, doch während die Welt sich weiter drehte, blieb er am selben Fleck."
    "Ich weiß ja nicht, woher du kommst," unterbrach ihn Herodes " aber bei uns weiß jedes Kind, das sich alles um die Erde dreht."
    "Nein, das stimmt nicht. Wir drehen uns um die Sonne, was circa ein Jahr dauert. Während dieser Zeit dreht sich die Erde 365 mal um sich selbst, wobei eine Drehung einem Tag entspricht und …" Weiter kam Melchior nicht, weil man ihm ein Schwert an den Hals hielt.
    "Hör mir genau zu! Alles dreht sich um die Erde, verstanden? Ich würde nur ungern davon erfahren, dass du solche Märchen weiterverbreitest! Und jetzt erzähle weiter!"
    Herodes gab dem Wächter ein Zeichen, das Schwert wegzustecken.
    "Und sie bewegt sich doch", murmelte Melchior leise.
    "Wie bitte?"
    "Nichts. Ich ging also am nächsten Morgen zu meinem König und berichtete, was mir in der letzten Nacht widerfahren war. Da ich ihm jahrelang ein treuer und guter Ratgeber war, bat ich ihn, mich dieses Ereignis erforschen zu lassen. Er war damit einverstanden und gab mir diese wertvollen Waren als Zeichen seines Wohlwollens für den neuen König. Falls er denn existiert ..."
    "Und die beiden?" Herodes zeigte auf Caspar und Balthasar.
    "Das sind meine Gehilfen."
    "Kommt er auch aus eurer Gegend? Seine Hautfarbe wirkt etwas befremdlich." Herodes zeigte nur noch auf Balthasar.
    "Teils teils. Er stammt aus einem Dorf sehr weit südlich von unserm Land. Eine Expedition unseres Königs fand diese Männer. Seitdem sind ihr Dorf und unsere Stadt Partner."
    "Partner?"
    "Ja, wir besuchen uns gegenseitig, tauschen Wissen aus und erfahren mehr von unserer Kultur. Im Rahmen dieses Projekts zogen Familien von ihnen zu uns und umgekehrt. Unser Volk ist sehr offen für fremde Kulturen", erklärte Melchior.
    "Wie dem auch sei, lasst mich kurz zusammenfassen: Wenn ich euch richtig verstanden habe", sagte Herodes, "hast du irgendwelche Stimmen in deinem Kopf gehört, die dir sagten, dass heute ein neuer König geboren wird, und auf Grund eines Verdachts zieht ihr los, als wär's gewiss. Sicher wollt ihr auch noch, dass ich euch diese Geschichte abnehme, oder?"
    Melchior, Caspar und Balthasar saßen Herodes gegenüber und nickten.
    "Ich sag euch, normalerweise würde ich euch für verrückt erklären, aber heute hatte ich eine Erscheinung, die mir eure Geschichte glaubhafter erscheinen lässt. Mir erschien ein Wesen, das behauptete, es sei ein Gesandter Gottes, und der Heiland wäre geboren."
    "Wir haben es auch gesehen. Und diese Wächter hier", sagte Caspar und zeigte auf Carlonius, der wieder begann, nervös an seinem Helm herumzuspielen, weil auf einmal die ganze Aufmerksamkeit auf ihn fiel.
    "Stimmt das?", fragte Herodes.
    "Ja, … es war in der Tat so", antwortete er vorsichtig.
    "Das ist mal endlich eine gute Nachricht! Anscheinend bin ich doch nicht so verrückt wie ich dachte."
    "Da bin ich aber anderer Meinung", flüsterte Balthasar seinen Gefährten zu.
    "Ihr drei werdet den neugeborenen König für mich finden. Sobald ihr ihn gefunden habt, müsst ihr mir sagen, wo ich ihn finden kann. Natürlich bekommt ihr auch eine angemessene Belohnung von mir. Aber versucht nicht, mich hinters Licht zu führen. Ich kriege euch, egal wo ihr herkommt. Carlonius, mach die drei Herren zur Abreise fertig!"
    Herodes verlies den Kerker und ließ den Wächter, Melchior, Caspar und Balthasar allein.

    Die drei ritten noch in derselben Nacht los, um dem Stern zu folgen. Sie erreichten Bethlehem in den frühen Morgenstunden, noch bevor die Sonne aufging.
    Je näher sie der Stadt kamen, desto größer wurde der Stern.
    Schließlich erreichten sie das Gebäude, welches der Stern erhellte.
    "Ein baufälliger Holzschuppen?", fragte Caspar ungläubig.
    "Wer sagt, dass Könige nicht auch in solchen Behausungen zur Welt kommen können?", sagte Balthasar schulterzuckend.
    Diese Bemerkung stellte Caspar, der etwas anderes erwartet hatte als einen alten Schuppen, bei weitem nicht zufrieden. Stattdessen kritisierte er die Situation nur noch weiter.
    "Und was sind das für zwei Kerle, die da auf dem Boden liegen? Wie Wächter sehen sie nicht grade aus ..."
    Melchior seufzte.
    "Geh doch hin und frag sie."
    "Weißt du was? Das werde ich!"
    Caspar ging auf Matthäus und Lukas, die beide schliefen, zu. Er kniete sich hin und versuchte, die beiden wach zu rütteln. Ohne Erfolg.
    Caspar ging zur Tür und schlug dagegen.
    "Hallo? Jemand zuhause? Wurde hier vor kurzem ein König geboren?", rief er in sarkastischem Tonfall.
    "Seht ihr, wir sind vollkommen umsonst hierher gekommen. Nur eine alte Hütte mit zwei Pennern davor."
    "Wenn nennst du einen Penner", fragte ihn eine verschlafene Stimme von der Seite.
    "Oh, entschuldigt!", sagte Caspar "Ich wollte Euch nicht beleidigen. Ich erwartete, hier einen König vorzufinden. Doch stattdessen fand ich Euch, worauf ich meine Enttäuschung in die Welt hinausrief."
    Lukas rieb sich die Augen und schaute Caspar vorwurfsvoll an.
    "Das tut mir Leid für dich. Es wird dich vielleicht interessieren, dass dort drin tatsächlich ein neugeborener König liegt und genau deshalb liegen wir hier draußen."
    "Wollen euch die Eltern nicht in der Nähe des Kindes sehen?", erkundigte sich Melchior.
    "Nein, wir dürfen uns dort drinnen nach Lust und Laune aufhalten, aber selbst neugeborene Könige wachen mitten in der Nacht auf und wecken einen mit ihrem Gebrüll. Wir dachten, hier draußen ist es nicht ganz so laut und dann kamt ihr hier an."
    Wie auf Kommando fing Jesus im Stall wieder zu schreien an.
    "Nochmals, vielen Dank!", sagte Lukas vorwurfsvoll. Die Stalltür ging auf, und Josef kam heraus.
    "Ich halt das nicht mehr aus!", rief er. "Habt ihr hier…"
    Josef unterbrach seinen Satz, als er in vier verdutzt dreinschauende Gesichter blickte.
    "Darf ich vorstellen? Josef, der irdische Vater des Königs", erklärte Lukas.
    "Lukas, was suchen diese Männer hier?", fragte Josef immer noch überrascht.
    "Das ist eine gute Frage! Was wollt ihr hier?"
    Melchior räusperte sich.
    "Wir sind dem Stern gefolgt, um hier den neugeborenen König zu finden. Wir haben ihm auch Geschenke mitgebracht. Er muss ein wahrlich großer König sein bei den Wundern, die seine Geburt begleiten."
    "Hättet ihr nicht gestern Mittag kommen können? Mit den anderen?" fragte Josef.
    "Leider gab es ein paar Probleme während der Reise, die wir nicht so einfach umgehen konnten. Sonst wären wir schon viel früher gekommen."
    "Nun, da er sowieso grade wach ist, könnt ihr ihn euch auch anschauen."
    Die drei nahmen ihre Geschenke und betraten den Stall. Durch ein paar Ritzen im Holz drang genug Licht in den Stall, um alles erkennen zu können.
    In einer Ecke des Stalls standen ein Ochse und ein Esel, während in der anderen Ecke eine Frau neben einer Futterkrippe saß und ein Baby in ihren Armen hielt.
    "Sieh nur, Maria, wir haben Besuch! Und sie haben Geschenke mitgebracht!" Josef deutete auf die Neuankömmlinge.
    "Wir danken euch für eure Gnade. Ich und meine Gefährten sind weit gereist, nur um dieses Kind zu sehen. Zum Geburtstag brachten wir ihm auch Geschenke mit. Weihrauch, Myrrhe und Gold", sagte Melchior.
    "Gold?" Josef rieb sich schon wieder die Hände, als er das Wort nur hörte.
    "Dürfen wir näherkommen?", fragte Balthasar vorsichtig.
    Maria sah ihn an und sagte: "Nur zu! Er wird dich schon nicht beißen. Zumindest solange er noch keine Zähne hat."
    Ehrfürchtig traten die Drei vor die Krippe und knieten nieder. Als sie das Kind sahen, durchlief sie ein Schauer, und Herodes Worte kamen ihnen in den Kopf.
    "Ihr drei werdet den neugeborenen König für mich finden. Sobald ihr ihn gefunden habt, müsst ihr mir sagen, wo ich ihn finden kann. Natürlich bekommt ihr auch eine angemessene Belohnung von mir. Aber versucht nicht, mich hinters Licht zu führen. Ich kriege euch, egal wo ihr herkommt."
    Sie sahen wieder in das Gesicht des Kindes, doch diesmal hörten sie eine andere Stimme in ihren Köpfen.
    "Ihr werdet direkt nach Hause ziehen, ihr geht nicht zu Herodes, ihr zieht keine Belohnung ein. Denn euch wird nichts passieren. Das verspreche ich euch!"
    Die Drei sahen sich wieder an. Keiner sagte etwas. Alle wussten, dass von diesem Kind etwas Besonderes ausging, und als hätten sie alle gegenseitig ihre Gedanken gelesen, nickten sie sich zu. Damit besiegelten sie einen stillen Pakt, der sie dazu verpflichtete, nicht mehr zu Herodes zurückzukehren.

    Melchior, Caspar und Balthasar blieben die Nacht über auch beim Stall.
    Diesmal wachte das Kind nicht wieder auf. In der Nacht erschien Gabriel in Josefs Traum.
    "Ah, du schon wieder?"
    "Ich freue mich auch, dich zu sehen, Josef."
    "Was hast du mir diesmal zu erzählen?"
    "Wenn die anderen alle weitergezogen sind, sollst du mit Maria und dem Kind nach Ägypten reisen."
    "Aber was ist mit meinem Betrieb in Nazareth? Ich kann ihn doch nicht verwahrlosen lassen!", sagte Josef aufgebracht.
    "Herodes will Jesus töten lassen, und deshalb ist er hier nicht sicher. Später wirst du zurückkommen dürfen. Man wird dir Bescheid geben, wenn es soweit ist."
    Josef wirkte niedergeschlagen.
    "Wenn es denn so seien muss, werde ich mich fügen. Was bleibt mir anderes übrig?"
    "Gut so, Josef. Ich lass dich jetzt mit deinen Träumen allein. Wir sehen uns ..."
    Gabriel verschwand. Das war mal ein unerwartet undramatischer Auftritt von ihm, dachte sich Josef.

    Am nächsten Morgen machten sich alle zur Abreise bereit. Josef hatte noch in aller Eile einen Brief geschrieben.
    In diesem Brief beschrieb er die näheren Umstände, die ihn dazu veranlassten, nicht nach Hause zu kommen, und was seine Mitarbeiter zu tun hatten.
    "Matthäus, Lukas, darf ich euch um etwas bitten? Wenn ihr eure Angelegenheiten geregelt habt, so sucht doch bitte meine Schreinerei in Nazareth auf und gebt diesen Brief ab."
    "Wieso? Wohin wirst du gehen?", fragte Matthäus überrascht.
    "Ich werde das Kind in Sicherheit bringen, damit nicht alles umsonst war."
    "Und wohin?"
    "Es ist besser, wenn das so wenig Leute wie möglich erfahren."
    Josef wandte sich zum Gehen. Dann drehte er sich aber noch einmal zu den beiden um.
    "Was macht die Geschichte?", fragte er.
    "Wir haben unsere Differenzen. Mein Freund Lukas hier schreibt die kleinsten Details auf, während ich versuche, alles aufs Wesentliche zusammenzufassen."
    "Manchmal sind es nun mal die Details, auf die es ankommt", versuchte sich Lukas zu rechtfertigen.
    "Manchmal sind es die Details, die alles kompliziert erscheinen lassen", sagte Matthäus ärgerlich.
    "Warum schreibt nicht jeder von euch seine eigene Geschichte?"
    "Aber wir dachten, du wolltest die Geschichten vorher lesen ..."
    "Ich vertraue darauf, dass ihr euch an meine Vorgaben haltet."
    "Ehrensache!", bestätigten die beiden Schriftsteller.
    "Es wird Zeit, dass wir losziehen", sagte Josef.
    "Viel Glück bei deiner Reise!"
    "Danke!"
    Glück! Josef grinste.Wer braucht schon Glück, wenn Gott persönlich über einem wacht...