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Das Haus meiner Eltern stand in einer wenig befahrenen Nebenstraße. Damals war noch keine Rede vom Bau einer Autobahn, von Umgehungsstraßen, von Verkehrsberuhigung. Hinter dem Haus lag eine große Wiese. Als Kind stromerte ich nach Lust und Laune darin herum. Und ich hatte viel Lust. Besonders im Sommer war ich beinahe jeden Tag auf der Wiese anzutreffen. Sie war so groß wie die Erde, da war ich sicher. Ich konnte das Ende der Wiese nicht sehen; ich konnte das Ende der Welt nicht sehen; also war beides gleich groß. Aber für ein Kind ist alles unendlich: was für ein Leben! Ein Gewächs hatte es mir besonders angetan. Es bezauberte mich, seit ich es zum erstenmal gesehen hatte. Die kleine Pflanze sah aus wie eine Hummel. Und ich wunderte mich, wieviel Kraft in einem so dünnen Stengel stecken musste. Der Stengel war nicht viel dicker als eines meiner Haare, und die Blüte, diese Hummel, war gewiss größer als ein Fingernagel eines Erwachsenen. Und so fragte ich als Sechs- oder Siebenjähriger meinen Vater: "Was ist das, diese Hummel auf einem Stengel?" Mein Vater lachte, sein Schnauzbart verzog sich dabei ins Unregelmäßige, und sagte: "Das ist ganz normaler Klee." Mir erschien er nicht normal, da ich ihn liebte. Und während Vater - lächelnd über die Frage seines Sohnes - wieder ins Haus ging, streichelte ich mit einem Finger zärtlich die unbeholfen wirkende Kleeblüte. Nicht die Blätter rührten mich an, auch nicht, wenn es, was selten vorkam, vier waren, nein, es war die Blüte, die es mir angetan hatte. Sie sah tolpatschig aus, ungelenk, unglücklich. Ich versuchte meine Eltern zu überreden, mich, wenn es warm war, auf der Wiese schlafen zu lassen, mitten im Klee. Aber vergebens. "Eines Morgens wachen wir auf", sagte meine Mutter, "und du bist nicht mehr da, weil dich irgendjemand gut gebrauchen konnte und geklaut hat. Nein, du schläfst in deinem Bett." Als ich meinen Vater nach den verschiedenen Grasarten fragte, stellten wir schnell fest, dass er darüber nicht viel wusste. Er gab zu, dass ihn Gräser nicht sonderlich interessierten; auch von Blumen wusste er mir nicht viel zu sagen. Damals war ich enttäuscht von ihm. Die Väter meiner Mitschüler wussten immer alles, so erzählten es mir meine Klassenkameraden. Mein Vater schien die Ausnahme zu sein. Ich wähnte ihn dumm. Dabei hatte er andere Dinge im Kopf. Er war Rechtsanwalt und kümmerte sich mehr um Scheidungsprozesse, Kaufhausdiebstähle und Vorstrafenregister als um Wiesenschaumkraut, Buchen oder Klee. Meine Mutter arbeitete halbtags bei einem Förster und erledigte seinen gesamten Schreibkram. "Und zwar aus Spaß", wie sie es selbst nannte. Dass sie nicht aus Geldnot dort arbeitete, war aufgrund von Vaters Einkünften ziemlich eindeutig. Meistens ging sie bestens gelaunt zur Arbeit; ihr Pfeiffen ließ meinen Vater kopfschüttelnd zurück. "Da geht sie wieder zu ihrem Oberförster", sagte er süffisant und zwinkerte mir mit einem Auge zu, denn Oberförster war für ihn ein Schimpfwort. "Zu ihrem Oberförster in seinen ledernen Dreiviertelhosen, in denen er wie ein Kasperl aussieht. Kann sich keine Strümpfe leisten, der arme Mann. Aber vielleicht ist wadenfrei ja der letzte Schrei." Der Förster hieß Wuttke. Aber auch meine
Mutter wusste mit meiner Liebe zu Pflanzen - und ganz besonders mit
meiner Liebe zu Klee - nichts anzufangen. "Ach, Stefan", wollte sie mich belehren, "Klee ist nun wirklich nichts Besonderes. Klee ist eine Futterpflanze." Ich versuchte mir das vorzustellen: Ein riesiges, nein, ein unendliches Feld voller Klee und hunderttausend, nein, unzählig viele Menschen säßen in diesem Feld und fräßen mit Hilfe von Messern, Gabeln, Löffeln oder Kellen Unmengen dieser 'Futterpflanze' (Ein Bild, das Margritte wahrscheinlich sehr gefallen hätte - Titel: "Die Unschuld" oder ähnlich). Ich fragte also meinen Klassenlehrer, Herrn Ohlbricht, um Rat. In seiner sehr geschraubten Art sagte er: "Keine Frage, junger Mann, du benötigst ein Fachbuch. Und ein solches bekommt man ohne jeden Zweifel in einer Bibliothek." In der Städtischen Leihbücherei gab es ungefähr fünfzig Bücher über Pflanzen. Aber ich wollte ja zunächst einen Überblick über das geheimnisvolle Land der Gewächse erhalten (Natürlich wollte ich auch mehr über Klee wissen). Also wurden "Die Flora in Farben" und "Wildwachsende Pflanzen unserer Heimat" meine ständigen Begleiter auf meinen Wiesenstreifzügen. "Na?" fragte mein Vater eines Abends, "was gibt die Pflanzenwelt so her?" Ich holte "Die Flora in Farben" hervor. Er sah mich neugierig an. Und ich las langsam und nicht ohne Mühe die lateinischen Namen der Gewächse vor. "Metasequoia glyptostroboides." "Aha", sagte mein Vater. Dazu erzeugte er ein halbes Grinsen; sein Schnauzbart sah dabei aus, als sei er verwischt worden. "Klingt wie ein Riese, möglicherweise gefährlich, unter Umständen feindlich gesinnt, ein Verwandter des Poliphem, den Odysseus nur durch eine perfide List besiegen konnte." "Falsch", sagte
ich triumphierend. "Urweltmammutbaum." "Falsch", sagte
ich, "alles falsch. Schlangenhautkiefer, Filzklette, Blautanne." |