Kafkas Enkel - 1.Kapitel  -  09.11.2001
      von Peter Klohs


    Das Erste, was mich auf dieser Welt fasziniert hat, waren Pflanzen

    Das Haus meiner Eltern stand in einer wenig befahrenen Nebenstraße. Damals war noch keine Rede vom Bau einer Autobahn, von Umgehungsstraßen, von Verkehrsberuhigung. Hinter dem Haus lag eine große Wiese. Als Kind stromerte ich nach Lust und Laune darin herum. Und ich hatte viel Lust. Besonders im Sommer war ich beinahe jeden Tag auf der Wiese anzutreffen. Sie war so groß wie die Erde, da war ich sicher. Ich konnte das Ende der Wiese nicht sehen; ich konnte das Ende der Welt nicht sehen; also war beides gleich groß. Aber für ein Kind ist alles unendlich: was für ein Leben!

    Ein Gewächs hatte es mir besonders angetan. Es bezauberte mich, seit ich es zum erstenmal gesehen hatte. Die kleine Pflanze sah aus wie eine Hummel. Und ich wunderte mich, wieviel Kraft in einem so dünnen Stengel stecken musste. Der Stengel war nicht viel dicker als eines meiner Haare, und die Blüte, diese Hummel, war gewiss größer als ein Fingernagel eines Erwachsenen.

    Und so fragte ich als Sechs- oder Siebenjähriger meinen Vater: "Was ist das, diese Hummel auf einem Stengel?"

    Mein Vater lachte, sein Schnauzbart verzog sich dabei ins Unregelmäßige, und sagte: "Das ist ganz normaler Klee."

    Mir erschien er nicht normal, da ich ihn liebte. Und während Vater - lächelnd über die Frage seines Sohnes - wieder ins Haus ging, streichelte ich mit einem Finger zärtlich die unbeholfen wirkende Kleeblüte. Nicht die Blätter rührten mich an, auch nicht, wenn es, was selten vorkam, vier waren, nein, es war die Blüte, die es mir angetan hatte. Sie sah tolpatschig aus, ungelenk, unglücklich.

    Ich versuchte meine Eltern zu überreden, mich, wenn es warm war, auf der Wiese schlafen zu lassen, mitten im Klee. Aber vergebens. "Eines Morgens wachen wir auf", sagte meine Mutter, "und du bist nicht mehr da, weil dich irgendjemand gut gebrauchen konnte und geklaut hat. Nein, du schläfst in deinem Bett."

    Als ich meinen Vater nach den verschiedenen Grasarten fragte, stellten wir schnell fest, dass er darüber nicht viel wusste. Er gab zu, dass ihn Gräser nicht sonderlich interessierten; auch von Blumen wusste er mir nicht viel zu sagen.

    Damals war ich enttäuscht von ihm. Die Väter meiner Mitschüler wussten immer alles, so erzählten es mir meine Klassenkameraden. Mein Vater schien die Ausnahme zu sein. Ich wähnte ihn dumm.

    Dabei hatte er andere Dinge im Kopf. Er war Rechtsanwalt und kümmerte sich mehr um Scheidungsprozesse, Kaufhausdiebstähle und Vorstrafenregister als um Wiesenschaumkraut, Buchen oder Klee.

    Meine Mutter arbeitete halbtags bei einem Förster und erledigte seinen gesamten Schreibkram. "Und zwar aus Spaß", wie sie es selbst nannte. Dass sie nicht aus Geldnot dort arbeitete, war aufgrund von Vaters Einkünften ziemlich eindeutig.

    Meistens ging sie bestens gelaunt zur Arbeit; ihr Pfeiffen ließ meinen Vater kopfschüttelnd zurück. "Da geht sie wieder zu ihrem Oberförster", sagte er süffisant und zwinkerte mir mit einem Auge zu, denn Oberförster war für ihn ein Schimpfwort. "Zu ihrem Oberförster in seinen ledernen Dreiviertelhosen, in denen er wie ein Kasperl aussieht. Kann sich keine Strümpfe leisten, der arme Mann. Aber vielleicht ist wadenfrei ja der letzte Schrei." Der Förster hieß Wuttke.

    Aber auch meine Mutter wusste mit meiner Liebe zu Pflanzen - und ganz besonders mit meiner Liebe zu Klee - nichts anzufangen.
     

    "Ach, Stefan", wollte sie mich belehren, "Klee ist nun wirklich nichts Besonderes. Klee ist eine Futterpflanze."

    Ich versuchte mir das vorzustellen: Ein riesiges, nein, ein unendliches Feld voller Klee und hunderttausend, nein, unzählig viele Menschen säßen in diesem Feld und fräßen mit Hilfe von Messern, Gabeln, Löffeln oder Kellen Unmengen dieser 'Futterpflanze' (Ein Bild, das Margritte wahrscheinlich sehr gefallen hätte - Titel: "Die Unschuld" oder ähnlich).

    Ich fragte also meinen Klassenlehrer, Herrn Ohlbricht, um Rat. In seiner sehr geschraubten Art sagte er: "Keine Frage, junger Mann, du benötigst ein Fachbuch. Und ein solches bekommt man ohne jeden Zweifel in einer Bibliothek."

    In der Städtischen Leihbücherei gab es ungefähr fünfzig Bücher über Pflanzen. Aber ich wollte ja zunächst einen Überblick über das geheimnisvolle Land der Gewächse erhalten (Natürlich wollte ich auch mehr über Klee wissen). Also wurden "Die Flora in Farben" und "Wildwachsende Pflanzen unserer Heimat" meine ständigen Begleiter auf meinen Wiesenstreifzügen.

    "Na?" fragte mein Vater eines Abends, "was gibt die Pflanzenwelt so her?" Ich holte "Die Flora in Farben" hervor. Er sah mich neugierig an. Und ich las langsam und nicht ohne Mühe die lateinischen Namen der Gewächse vor.

    "Metasequoia glyptostroboides."

    "Aha", sagte mein Vater. Dazu erzeugte er ein halbes Grinsen; sein Schnauzbart sah dabei aus, als sei er verwischt worden. "Klingt wie ein Riese, möglicherweise gefährlich, unter Umständen feindlich gesinnt, ein Verwandter des Poliphem, den Odysseus nur durch eine perfide List besiegen konnte."

    "Falsch", sagte ich triumphierend. "Urweltmammutbaum."
    "Na, soweit entfernt scheint mir meine Definition nicht zu sein."
    Ich fuhr wenig beeindruckt fort.
    "Pinus leucodermis."
    "Eine Krankheit", sagte Vater, "heimtückisch und äusserst schwer heilbar."
    "Arctium tomentosum."
    "Der Wahlspruch eines geheimen Zirkels."
    "Abies glauka."
    "Ein russischer Sänger. Oder ein russischer Spion. Oder ein russischer Spion, der in seiner Freizeit 'Eugen Onegin' singt."

    "Falsch", sagte ich, "alles falsch. Schlangenhautkiefer, Filzklette, Blautanne."
    "Was es nicht alles gibt", seufzte er und griff zum Deutschen Anwaltsblatt.
    "Und Klee", fügte ich an meine Mutter gewandt hinzu, "gehört zu den Schmetterlingsblütern, und es gibt ungefähr dreihundert Arten."
    "Deshalb bleibt er trotzdem eine Futterpflanze. "Ich hörte diesen Einwand gar nicht. Langsam las ich ihr aus dem Buch vor. "Das vierblättrige Kleeblatt bringt Vorteil im Spiel; es schützt vor Unglück, es gilt als Liebesorakel und gewährt Einblick in Liebeszauberpraktiken. Was sind Liebeszauberpraktiken, Mama?"
    "Frag Papa!"
    Aber mein Vater las in seiner Zeitschrift über die neuesten Urteilssprüche und wollte, wenn ich sein Gesicht richtig lesen konnte, unter keinen Umständen gestört werden.
    "Das fünf- oder siebenblättrige Klleblatt gilt im Allgemeinen als unglücksbringend. Nur bisweilen soll das fünfblättrige Eheglück versprechen." "Naja", sagte meine Mutter. "Ziemlich toll für eine simple Futterpflanze." Aber sie überzeugte mich nicht. Klee war die erste Liebe meines Lebens. Und die erste Liebe hält man hoch, selbst dann, wenn die eigenen Eltern sie geringschätzen.
    Mein nächstes Interesse galt den Gräsern auf "meiner" Wiese: Dem streng geometrisch aufgebauten Blauen Pfeifengras, dem stolz aufgerichteten Wiesen-Knäuelgras, der wie eine bisher unentdeckte Getreideart aussehenden Weichen Trespe und dem Sumpf-Reitgras, welches ich besonders liebte, da es weich war wie Vaters Rasierpinsel.
    Und was ich nicht noch alles auf der Wiese entdeckte: Den Breitblättrigen Rohrkolben, der irgendein Geheimnis hinter der recht harten Schale seiner Blüte verbergen musste; das Stattliche Knabenkraut mit seiner äusserst unglaubwürdigen Violettfärbung; halbjungengroße Sumpfdotterblumen, gelb wie ein Briefkasten; die wie zusammengestauchte Spinnen aussehenden Blüten der Zaubernuss (Hamamelis japonica), Wiesen-Schaumkraut in diversen Farben; und zahlreiche Gewächse, die einen beinahe surrealistischen Namen besaßen: Zwiebeltragende Zahnwurz, Große Fetthenne, Bauernsenf, Kleiner Vogelfuß und Bittersüßer Nachtschatten. Den Gemeinen Froschbiss wollte ich unbedingt finden, aber auf "meiner" Wiese suchte ich ihn vergebens. Auf der Wiese gab es nämlich keinen Teich, und nur in einem solchen fand man laut "Wildwachsende Pflanzen unserer Heimat" den Hydrocharis morsus-ranae. Der nächste Teich war unerlaubt weit.
    Dafür gab es noch Kornblumen, Löwenzahn, Brenn- und Taubnesseln, Mohnblumen und Kletten auf der Wiese, vier unterschiedliche Kleearten, Disteln, Kamille und eine Handvoll Bäume: zwei Birken, ein Apfelbaum, eine Pappel, eine Buche.
    Die Pappel bewunderte ich sehr wegen ihrer hohen, schlanken Gestalt; sie bewegte sich sehr ästhetisch im Wind. Manchmal dachte ich darüber nach, wie es wohl wäre, für einen Tag eine Pappel sein zu können. Den ganzen Tag hin- und herpendeln, Wind in den Blättern, Wasser in den Wurzeln. Hin und wieder sah ich an ihr hoch und wünschte, wir könnten für ein paar Stunden die Plätze tauschen.
    Ich hatte das Glück, einen Freund zu haben und alles das teilen zu dürfen. Er hieß Jürgen, war ein Nachbarskind und zwei Jahre älter als ich, ein Umstand, der mich mit Stolz erfüllte. Ältere Freunde zu haben schien mir damals etwas Besonderes zu sein, obwohl ich niemals das Warum hätte erklären können.
    Jürgen und ich wussten, wo in der näheren Umgebung die größte Kastanie, die älteste Eiche und das furcheinflößenste Brennesselfeld wuchs. Manche dieser Sensationen besuchten wir beinahe täglich.
    Mit der Zeit beobachteten wir Gärtner bei der Arbeit, wie sie Bäume beschnitten oder fällten, wie sie einen neuen Rasen oder einen Teich anlegten, wie sie junge Pflanzen in den Boden brachten; und wir beide waren immerzu gespannt, ob das Gewächs angehen würde. Wie waren betrübt, als die Magnolie in Doktor Kleins Garten von einer Woche auf die nächste abstarb und ausgegraben werden musste. Wir waren erfreut, wenn auf dem neuen Rasen die ersten Krokusse wuchsen. Ich wünschte mir einen Rhododendron zum Geburtstag; Jürgen wünschte sich eine kleine Buche, die er eigenhändig einpflanzte.
    Wir besuchten die Botanischen Gärten in der Umgebung und bestaunten das Japanische Ahorn, die Akazien und die verschiedenen Formen der Distel. Und natürlich den Metasequoia. Wir sahen zwar nur ein Exemplar von etwas mehr als vierzig Metern Höhe, aber damals war der Baum für uns so groß wie ein Berg. Ich konnte nicht aufhören, über die Pflanzen in derNatur zu staunen.
    Es war nie eine Frage, welchen Beruf ich ergreifen würde.