Platz nehmen -  Juni 2003
      von Regina Jung

    I

    Ich sitze auf meinem gemütlichen Sofa, stopfe mir ein dickes Kissen in den Rücken und mache gar nichts. Welch ein Luxus ohnegleichen, dieses Nichtstun, obwohl - ich bin eine Frau und denke ein kleines bisschen vor mich hin. Im Gegensatz zu den Männern. Fragt man einen Mann, der nur so dasitzt: "Was denkst du gerade?", so wird er mit ziemlicher Sicherheit antworten: "Nichts." Die Frage wäre allerdings noch zu klären, ob sie wirklich diese Gabe haben, oder ob sie ihre Gedanken nur nicht preisgeben wollen. Ich jedenfalls denke nicht viel, nur so ein bisschen eben. Wie entspannend es ist, einfach auszuruhen, die Zeit verstreichen zu lassen, sodass man es geradezu körperlich und geistig spürt, wie sie entschwindet, bis man endlich zu der Empfindung gelangt: Es gibt sie nicht mehr. Während ich nun an diesem Punkt angekommen bin, gerade so richtig genieße, klingelt es an der Tür. Ausgerechnet jetzt! Schwupp, hat die Zeit mich wieder. Als es erneut klingelt, erhebe ich mich widerwillig und öffne. Es ist meine Freundin. "Komm herein", sage ich, "setz dich!" Sie nimmt auf dem Sofa Platz. Ich setze mich hinzu, will mich nicht von meinem gemütlichen Platz vertreiben lassen. So etwas Dummes! Warum hat sie sich nicht auf einen der beiden Sessel gesetzt? Aber ich bin noch zu entspannt, um mich zu ärgern.
    Es klingelt erneut; diesmal ist es ein Arbeitskollege. Mit ausgestreckter Hand weise ich auf einen Sessel, komme aber nicht mehr dazu, etwas zu sagen, denn er steuert schnurstracks aufs Sofa zu und sitzt, ehe ich reagieren kann. Ich nehme in der Mitte Platz. Selten dämlich sind wir hier formiert, denke ich, während ich dabei nach rechts und links blicke. Sie scheinen es nicht so zu empfinden, sind bester Dinge, plaudern strahlend.
    Ich bin gerade dabei, mich in die Gegebenheiten zu fügen, als es wieder läutet. Wenn nun der Vierte auch noch .... male ich mir aus, beschließe sicherheitshalber, meinen Platz nicht zu verlassen. Ich bitte meine Freundin, zu öffnen. Nun erscheinen zwei aus dem Sportclub. Meine Freundin setzt sich zuerst, was die beiden Sportkameraden nicht davon abhält, sich mit der Bemerkung "Wir sind doch schlank" auch noch dazuzuquetschen. Nun in engem Körperkontakt stellen sich erste Atemprobleme ein. Ich japse, meine Freundin beginnt zu hecheln.
    Zum Glück schellt es wieder. Wir stehen kollektiv auf, atmen erst einmal befreit durch. Wie schön das ist. Atmen, ein Genuss! Nun besuchen mich fünf Nachbarinnen. Sicherheitshalber schließe ich die Tür nicht mehr, falls noch jemand kommen sollte, könnte er eintreten, während wir unsere Positionen hielten. Nun ist Eile geboten, schnell stürzen wir zum Sofa zurück, sollen sie doch sehen, wie sie sich auf die zwei Sessel quetschen. Kaum haben wir uns – Atem anhaltend - gemeinsam wieder auf das Sofa gesetzt, springen sie uns munter auf unsere Schöße.
    Während ich noch versuche, mich mit der neuen Einengung zu arrangieren, spaziert der Nächste mit einer Rose in der Hand herein. Das ist ein Verehrer von mir, dessen Werben ich noch nicht nachgegeben habe. Er will mir die Rose überreichen, ich habe jedoch nicht die Möglichkeit, einen Arm zu befreien, um ihm diesen entgegenzustrecken und damit die Rose annehmen zu können. "Ich sehe schon, es geht nicht", sagt er zu mir. "Dann behalte ich sie noch ein Weilchen." Woraufhin er sich die Blume quer in den Mund steckt, und ehe ich mich versehe, hat er sich schon über meine fünf Nachbarinnen gelegt. Ich glaube erdrückt zu werden, zu ersticken. Und was sagt der obenauf bequem Liegende? "Zappelt nicht so, sonst verliere ich den Halt und falle runter!" Hat sich den besten Platz genommen und nörgelt auch noch an uns herum, und das, obwohl wir seine Stütze sind und er sich sozusagen ins gemachte Bett gelegt hat.
    Als nächster steht nun plötzlich ein Staubsaugervertreter im Raum. "Wunderbar", ruft er, schmeißt seinen Musterkoffer auf den Verehrer, reißt mit der Bemerkung "Nur ein kleines bisschen bequemer müsste es noch sein" mein in den Rücken gestopftes Kissen gewaltsam heraus, und legt es sich als Kopfkissen parat. Und ehe wir uns versehen, zieht er sich einen Sessel heran, hopst auf ihn und liegt schon auf uns.
    Der nächste Gast ist allem Anschein nach ein Obdachloser. Bescheiden steht er vor uns, bittet um einen abgetragenen Pullover, ein belegtes Brötchen und eine Flasche Bier. Sehnsuchtsvoll blickt er, seine anderen Bitten vorübergehend aus den Augen lassend, auf den noch verbleibenden Platz bis zur Decke. Es würde vielleicht gerade noch so eben passen, scheint er zu denken. Dann sagt er zu sich selbst gewandt: "Ich habe keine großen Ansprüche, ich habe schon ganz anders gelegen. Nur keine Umstände."
    So, obwohl ich zu gern die Fortsetzung dieser abstrusen Geschichte hören würde, werde ich sie nun nicht weitererzählen. Ich sitze einfach zu entspannt auf meinem Sofa, mit dem in den Rücken gestopften dicken Kissen, und denke nicht viel, nur so ein bisschen eben.
    Ich entspanne mich, die Zeit entschwindet, bis ich geradezu körperlich und geistig spüre: Es gibt sie nicht mehr.
    Und ausgerechnet jetzt klingelt es an der Tür. Schwupp, hat die Zeit mich wieder. Ich erhebe mich widerwillig und öffne. Es ist meine Freundin.
    "Komm herein" sage ich, "setz dich!"