Mein Tal -  Oktober 2004
      von Regina Jung

     

    Die Blätter des Waldes waren grün, gelbgrün, grellgrün, dunkelgrün. Nie nahm ich auch nur ein einziges verwelkendes Blatt wahr. Niemals traten meine Füße auf Laub, denn es gab dort keinen Herbst. In diesem Wald gab es kein Anzeichen des Vergehens und Absterbens, nur vom Kommen und Sein. Dieses Tal verharrte in den letzten Tagen des Frühjahres und den ersten Tagen des Sommers. Auch gab es dort keinen Regen oder Sturm, nur Sonne und leicht aufbrisenden Wind.

    Ich nahm immer den gleichen Weg, lief den gemächlich abfallenden Hang hinab, bis zur tiefsten Stelle. An dem Bach, der sich dort entlang schlängelte, blieb ich stehen und sah mich um. Im Bachbett lagen Steine, die hinüberhalfen. Doch wie üblich entschied ich mich dann, den Bach mit einem Sprung zu überqueren. Nein, eine Brücke, die brauchte ich nicht. Dann stieg ich den vor mir liegenden Hang wieder hinauf, mich beinahe schwerelos fühlend. Der federnde Waldboden schmiegte sich geradezu liebevoll an meine Füße und meine Schritte waren leicht, nahezu schwebend. Mühelos war mein Laufen, fast unwirklich meine Leichtigkeit.

    Schließlich hatte ich die Lichtung erreicht. Dort hielt ich an und setzte mich auf die Wiese. Und nichts anderes hatte in meinem Kopf Platz, als dieses angenehme Gefühl der Losgelassenheit. Alles andere war abgeschnitten, abgerissen, erloschen.

    Und selbst, nachdem ich wieder aufgewacht war, wirkte der Traum noch eine Zeit lang nach, und ich genoss die Entspannung, die er mir beschert hatte. Wenn ich im Bett lag und keine Ruhe finden konnte, wünschte ich mir oft diesen Traum herbei. Sehnsuchtsvoll, nein, eher schon begierig wartete ich darauf, dass er mir erscheinen würde.

    Aber Träume lassen sich nicht bestellen.

    Und dann kam dieser schreckliche Tag. Ich war auf einer Wanderung gewesen, hatte eine Anhöhe erreicht und blickte hinab, sah den Bach, richtete den Blick auf den gegenüberliegenden Hang, entdeckte die Lichtung und die Erkenntnis durchfuhr mich eiskalt: Das ist es!

    Alles schnürte sich in mir zusammen. Was hatten sie aus meinem Tal gemacht? Regungslos stand ich da, nahm die Autobahn wahr und musste auch noch ertragen, dass sie im Begriff waren, diese zu erweitern. Erde wurde abgetragen, künstliche Wälle wurden aufgeschüttet, um neue Auf- und Abfahrten zu schaffen. Und ich hörte die Schreie der Bäume, die gerade gefällt wurden. Ich konnte sie nicht ertragen, diese Schreie, die in meine Ohren drangen und lauter, so unendlich viel lauter waren, als die durchdringenden Geräusche der Motorsägen.

    Dann fiel mein Blick auf den Mittelstreifen, Presslufthämmer bohrten sich in den Beton und der ehemals beim Bau der Autobahn kanalisierte Bach wurde, jedoch nur für einen kleinen Abschnitt, wieder freigelegt. So recht konnte ich es nicht begreifen, aber da war wohl jemand auf die Idee gekommen, das Tal wieder zu verschönern. Zur Freude der Autofahrer, durfte er eine kurze Strecke oberirdisch verlaufen. Sie ließen ihn einmal atmen, bevor er wieder ins Dunkel zurück musste.

    Bedrückt stand ich noch immer an derselben Stelle und mir wurde bewusst, mein Bach, wenn auch kurz freigelegt, war für mich unerreichbar geworden.

    Wenn ich den Hang hinab liefe, würde ich an der Leitplanke anhalten müssen, könnte ihn vielleicht sehen, aber – und diese Gewissheit war niederdrückend – ich würde ihn niemals wieder überschreiten können.

    Für einen Moment wünschte ich mir, ich hätte das Tal nur einmal in seinem Urzustand gesehen, wäre wirklich auf seinem federnden Boden gelaufen. Sofort verwarf ich diesen Gedanken wieder, denn ich war mir sicher, dass es für mich noch schwerer als ohnehin, ja, wahrscheinlich sogar niederschmetternd gewesen wäre, es ehedem gekannt zu haben. Endlich riss ich mich aus meiner Bewegungslosigkeit, wollte nicht mehr hinsehen, wollte nur noch weg.

    Ich trat den Heimweg an, und nur ein Gedanke hatte in meinem Kopf Platz. Mein Tal zerfressen, ausgehöhlt, untertan gemacht. Zerstört! Zerstört, für immer und ewig. Und nie würde es wieder so sein, wie es einmal gewesen war. Nie wieder so still, so grün, so überirdisch schön, wie das Tal meiner Träume.

    Endlich erreichte ich die Brücke, die das Tal überspannte. Ich musste auf die andere Seite, wollte nach Hause. Ich blickte geradeaus, nur starr nach vorn, wollte um keinen Preis noch einmal auf das tote Tal hinab sehen. Doch ich schaffte es nur bis zur Mitte, blieb dort stehen und hatte das Gefühl, dass diese riesige Brücke – entgegen der ursprünglichen Bedeutung aller Brücken, zu verbinden - teilte, irgendwie trennte. Ich hielt mich an den Stäben der Vergitterung fest, blickte zwanghaft nach unten, nahm noch einmal das volle Maß der Vernichtung in mich auf. Und ich fühlte die Einladung der Zerstörung zur Zerstörung – zur Selbstzerstörung. Wollte das entweihte Tal sich rächen? Und die Brücke öffnete sich, lief einen spaltbreit auseinander. Krampfhaft hielt ich mich fest, sah nach unten, blickte auf den Bach. Der Spalt wurde zusehends breiter. Vorsichtig löste ich meinen Griff, ließ das bunte Bändchen, dass dort für irgendjemand zum Abschied angeknüpft worden war, noch einmal voller Trauer durch meine Hände gleiten, sprang, und überquerte so noch einmal meinen Bach.

    Und als ich endlich wieder zu Hause war, im Bett lag, wünschte ich nur eins: Von meinem Tal zu träumen.