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| Der Gigantismus
unserer Industriegesellschaft, der sich schon zum Ende des letzten Jahrhunderts
im stählernen Riesen von Paris abzeichnete, hat Platz genommen: Eine
Stadt, nicht in Europa. Meine Freundin ist aus Lille in Nordfrankreich, ich bin aus Wuppertal in Nordrhein-Westfalen. Unser bewunderndes Kopfrecken und Augenaufreißen ist gepaart mit der Furcht vor allem, was das menschliche Maß verläßt. Unser Maß ist Wuppertal, ist Lille. Ein amerikanischer Freund hat uns gesagt: "Ihr Europäer müßt euch immer durch einen dicken Berg von Geschichte und Tradition durchfressen, alles schlucken, gut verdauen, bevor ihr etwas anfangt. Wir Amerikaner machen einfach." Wenn in New York neue Wolkenkratzer gebaut werden, stehen immer noch Indianer vom Stamm der Mohawk auf den Hochgerüsten, balancieren sicher auf schmalen Eisenträgern, eine Fähigkeit demonstrierend, die ihnen der schnaubende, Dampf spuckende Vormarsch der Zivilisation noch gelassen hat: Sie spüren den Horizont in ihren Köpfen und werden ihm nicht durch den Schwindel der Höhe entrückt. Wenn wir vom Empire State Building hinunterschauen, wirken die großen Bauklötze nicht wie vom Himmel in die Stadt gefallen, eher - mit den wolkenkratzenden Jugendstilspitzen - wie Raketen, abschußbereit. Ein Freitagnachmittag im November, 1968. Er ist vierzehn Jahre alt, bald fünfzehn, und die Hausaufgaben für morgen sind erledigt. Bis auf Mathe, das hat er mal wieder nicht kapiert. Er nimmt die Leinentasche aus dem Schrank und holt dann schließlich auch das Fahrrad aus dem Keller. Ein altes, schweres "Liga"-Damenrad seiner Mutter. Die Leinentasche ist weinrot und hat einen schmutzigen, ehemals weißen Aufdruck: "Stadt-Anzeiger". Seine Großmutter hat den Stadt-Anzeiger ausgetragen, als er noch täglich erschien. Jetzt ist er zur Wochenzeitung herabgesunken, und die Abonnenten sterben aus. Hoffentlich fängts nicht an zu regnen, denkt er. Bis zum Wichlinghauser Markt braucht er knapp fünfzehn Minuten. Sechs bis acht Stunden laufen wir täglich durch Manhattan und
staunen. Abstoßendes und Anziehendes halten uns Europäer
in einem Schwebezustand. Anziehend nicht der Gigantismus, der die Straßen
verdunkelt und New Yorker zum vermehrten Vitamin-D- Konsum zwingt, anziehend
ist die Vielfalt. Die meisten Menschen, die wir treffen, sprechen Englisch
als Zweitsprache, das ist hörbar. Von einem Straßenzug zum
anderen betreten wir unterschiedliche Welten, in Chinatown tragen selbst
Telefonzellen Pagodendächer, eine Straße weiter wird italienisch
gestikuliert, in Harlem scheinen wir die einzigen Weißen zu sein,
die Bronx wagen wir nicht zu betreten. Der dicke Polizist an der Ecke
lächelt, ich sehe an ihm herab auf die Pistole, die am Gürtel
baumelt. "Tomorrow it's gettin' better", höre ich irgendwo
sagen, der Skater mit Walkman zieht Kreise um Mülltonnen, ein Jogger
im Central Park wird von seinem Hund verfolgt, Kinder plantschen im
hoch aufspritzenden Wasser eines geöffneten Hydranten, ein orthodoxer
Jude verkauft koschere Hamburger, ein Bettler sagt "God bless you,
Sir", als ich ihm eine Münze gebe, eine alte Frau stöbert
im Abfall, junge Männer mit großen Plastiksäcken sammeln
Cola- und Iced-Tea-Dosen aus Papierkörben, riesige, blinkende Chevys
sind verbeult, und überall Feuerleitern. Die Zeitungen liegen im Vorraum der Wichlinghauser Polizeiwache. Zehntausend
Mark Belohnung. Vorsicht, Täter ist bewaffnet. Verquollene Gesichter
von unbekannten Leichen. Er hat mal wieder vergessen, eine Zange mitzunehmen,
um die Drahtverschnürung von den Zeitungen loszudrehen. Es geht
auch ohne, aber jeden Freitag beginnt das Austragen mit schmerzenden
Fingern. Heute sind es wieder zwei Abonnenten weniger, eine Mitteilung
des Verlages: Abonnenten Karl H., Am Diek 8, und Else G., Kreuzstraße
47, verstorben. Letzten Freitag noch hat er Karl H. gesehen, ihm den
Stadt-Anzeiger in zitttrige Hände gedrückt. Kein Abonnent
unter sechzig. Er hat nur wenige Artikel gelesen. In der Zeitung vorwiegend
Lokales. Geschichten in Barmer Platt, von Adolf Löhr. Nichts Reißerisches.
Ein stilles, sterbendes Blatt. Einmal wöchentlich. Dreißig
Mark im Monat fürs Austragen. Die Kinos und Theater am Broadway, Häuser, in denen mit Licht
gespielt wird. Theaterstücke, die sich hier lange gehalten haben,
sind schon längst Kinoerfolge. Filme, in denen auf unterhaltsame,
intelligente Weise nichts gesagt wird. Aber immer spielt New York sich
selbst. Romeo und Julia in der Westside, von der Freiheitsstatue fällt
sich einer von Hitchcocks Schurken zu Tode, und Cary Grant hat sich
mit der Hepburn in der Radio City Music Hall verabredet. Die Leinentasche ist nicht wasserdicht. Und zu Anfang, wenn noch alle
Zeitungen drinstecken, schließt sie auch nicht, der Regen nieselt
hinein. Die Zeitungen sind klamm. Er hat die erste Adresse erreicht,
jetzt schiebt er das Rad. Es ist kalt. Sehr vorsichtig lehnt er das
Rad an die Hauswand, am letzten Freitag ist es einmal umgekippt. Über
hundert Zeitungen knallten auf den Bürgersteig, einige zerblätterte
der Wind und trieb die Doppelseiten fort, er hatte seine Mühe,
alle wieder einzusammeln. Der größte Teil klatschte in eine
dicke Pfütze, aufgeweichte Stadt-Anzeiger, deren Titelblätter
rissen, als er sie in die Briefkästen stopfte. Houston Street: Katz' Delicatessen. Metzgerei und Eßlokal, wir
bestellen die berühmten Pastrami-Sandwiches. Ein alter Kellner,
der alles hängen läßt: Augen, Wangen, Mundwinkel, seine
Hände halten die kleinen Teller noch in einer schwankenden Horizontalen,
Sauce schwappt, riesige Fleischlappen hängen über den Tellerrand
herunter. Die Toilettenfrau beschwert sich darüber, daß es
im Laufe der zwanzig Jahre, die sie bei Katz über Klobrillen wischt,
so schmutzig geworden sei. Im Speisesaal eine alte Reklame aus der Vietnam-Zeit:
Send a Salami to your boy in the army. Herr W. ruft ihn nach oben. Ob er mal kurz anpacken kann? Er steigt
die Holztreppe hinauf in den zweiten Stock und hilft dem alten Mann,
ein schweres, verschlissenes Sofa zu verrücken. Die Einzimmerwohnung
ist überheizt, es stinkt. Teller mit Essensresten auf dem Küchentisch,
ein Zigarrenstummel. An der Wand viele gerahmte Fotos, Männer in
Wehrmachtsuniform, eine Frau im Dirndl, Kinderbilder. Eine Mark gibt
ihm der Alte, sonst, beim Kassieren, kriegt er immer nur zwei Groschen. Der Mann hinter der Theke quetscht Salatblätter, Roastbeef, Käse
und Tomaten zwischen zwei Scheiben Brot und fragt: Wenn er kassiert hat, liefert er am nächsten Tag, Samstag, nach
der Schule das Geld ab. Am Alten Markt, neben dem neuerbauten Kaufhof,
stehen noch die alten Holzbaracken. Die Baracke gleich neben dem Kaufhof
ist eine Kneipe, "Em Ollen Matt". Da hat er sich bis jetzt
noch nicht hineingetraut, die Sechzehnjährigen aus seiner Klasse
schwärmen protzig von Bier und Mettbrötchen mit dick Zwiebeln.
In der anderen Hälfte des Barackenkomplexes, zur halb zerstörten
Antonius-Kirche hin, ist der Staats-Verlag untergebracht. Er leert dort
die Lederbörse auf den grünen Linoleumbelag des Schreibtisches,
zählt laut vor und bekommt seine dreißig Mark.
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