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Was werden wir heute lesen? Du hast wieder einen von deinen dickleibigen,
in Leder gebundenen Folianten mitgebracht, die bei euch in den verglasten,
muffigen Bücherschränken stehen, sich unablässig im bewichsten
Parkett spiegeln, solide und handfest literarisch. Also heute: Anfänge
der Philosophie. Wen hast du ausgewählt? Thales? Thales von Milet?
Er behauptet, das Wasser sei Ursprung von allem, auch von uns Menschen.
Oder Heraklit? Der Dunkle, der in den fließenden Strom schaut
und dort ein ewiges Werden und Vergehen sieht? Oder?
Es bleibt doch einem im Leben nur das, was man verschenkt hat: die Sträuße
aus Pusteblumen. Dies hast du endlich begriffen und - statt dich ins
innere Refugium endgültig zurückzuziehen - human beschlossen,
die Reihen der ehrenamtlichen Mitarbeiter des städtischen Krankenhauses
zu verstärken. Schließlich kannst du es dir jederzeit leisten,
unentgeltlich zu arbeiten, bist auch daran gewöhnt, an dein ewiges
Umsonst.
Seit Monaten liest du täglich den armen, verwandschaftslosen Koma-Patienten
vor.
Ob deine Worte irgendetwas in ihren Gehirnen bewirken können, weißt
du nicht. Aber, wer
weiß das schon? Am Ende bleibt doch immer ein unausgesprochenes
Wort.
-"Würden Sie jetzt, liebes Kind, von meinem Mann absteigen?"
- diese eisige, steile und würdevolle Phrase ist nur in deinem
Inneren entstanden, wie fast alle deine Phrasen.
Ein günstiger Ägypten-Urlaub ("Preußen am Nil")
dauerte einen Tag kürzer, eine kleine Überraschung für
deinen unternehmungslustigen Strohwitwer.
Von der Orientsonne verblendet und um die starke postklimakterische
Depression endgültig zu besiegen, wagtest du einen kühnen
Sprung ins Frivole, Spitzennegligé "Pompadour" lag
hoffnungsvoll in deinem Koffer.
Was passierte dann? Nichts. Ein typisch bürgerliches Trauerspiel,
keine wilden Verzweiflungsstürme. "Schande und Spott mehr
fürchtet als Gott", sagte schon im 12. Jh. einer der Minnebewandten
und er hatte Recht.
Eng an deinem Körper trägst du täglich ein raues, selbst
gestricktes härenes Hemd, in deinen
glasigen Augen liegt seit Jahren ein unbeholfener Ausdruck der echten
Seelennot.
So habe ich dich damals kennengelernt, eine verjährte Pracht von
Weib: ein schickes, maßgeschneidertes Kostümchen, ein graues
Hèrmes- Tuch und eine kleine Sämischledertasche. "Besser
ein Narr in der Mode
" sagte einmal dein Lieblingsphilosoph
und du hast das für immer behalten, statt dich manchmal um die
eigene Urteilskraft zu kümmern.
Ich stand an der Schwelle, meine berufsbedingten, selbstkonzipierten
Klamotten sorgten für dein Staunen.
"Lange Kleider, spitze Schuh' stehen böser Hexe zu
"
haben wir vor sechzig Jahren im pommerischen Weisenhaus gesungen. Ja,
ich komme von diesem wunderbaren Wasserland,
bin zwischen Nebel, Seen und Wolken aufgewachsen, deshalb habe in dir
sofort eine Undine erkannt. Du bist ein im Tränenwasser hausender
Elementargeist, eine unsterbliche Seele wurde dir erst durch die Vermählung
mit einem irdischen Mann zugeteilt.
Beim Betrachten deines entbehrlichen Tandes hattest du jahrelang Reflexionen
mit Illusionen vermischt und schließlich, zeitbedingt, einen Aufstieg
von Kebse zur Köchin geschafft. Eine kluge Entscheidung.
"Im Winter ist der Pommer noch dommer als im Sommer" hörte
ich oft nach der Übersiedlung. Die stets fehlende Riposte stellte
deutlich meine Beschränktheit unter Beweis. Deshalb brauchte ich
mich nicht, beleidigt zu fühlen und mit Haß auf Haß
zu antworten, eine minimale Lebensbejahung
Also damals kamst du zu mir, in deiner tiefen Lebenskrise, um in die
Zukunft zu schauen.
Meine Adresse - in der heruntergekommenen Hochhaussiedlung - war ein
Geheimtipp für alle deprimierten Undinen, die Angst hatten, mit
ihrem Heiligenschein sterben zu müssen. Ich habe in die Karten
geschaut und immer eine unerwartete späte Liebe, späte Liebe,
späte Liebe versprochen. Sie gingen glücklich fort und ließen
mir Geld, was meine Nachbarn mit wachsendem Neid beobachteten. Eines
Sommertages ist schließlich die obstinate Feindseligkeit in gerechten
Volkeszorn ausgeufert: ich wurde im Hof mit leeren Bierflaschen beworfen.
Ich fiel ins Koma, schwer verletzt landete ich im Krankenhaus.
Dort habe ich dich, meine Undine, wieder getroffen. Gestern hast du
mir einen interessanten Zeitungsartikel vorgelesen, wo die unkonventionellen,
zukunftsorientierten Strafen für Jungkriminelle gepriesen wurden:
eine alte, offensichtlich geistesgestörte Frau, habe die Jugendlichen
provoziert und sich dadurch die Kopfverletzungen zugezogen. Aus erzieherischem
Grunde müssten die jungen Männer zwei Stunden lang in Frauenkleidern
durch die Innenstadt laufen.
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