Was, Serenissima, was… -  Mai 2003
      von Joanna Gralinski

    Was werden wir heute lesen? Du hast wieder einen von deinen dickleibigen, in Leder gebundenen Folianten mitgebracht, die bei euch in den verglasten, muffigen Bücherschränken stehen, sich unablässig im bewichsten Parkett spiegeln, solide und handfest literarisch. Also heute: Anfänge der Philosophie. Wen hast du ausgewählt? Thales? Thales von Milet? Er behauptet, das Wasser sei Ursprung von allem, auch von uns Menschen. Oder Heraklit? Der Dunkle, der in den fließenden Strom schaut und dort ein ewiges Werden und Vergehen sieht? Oder?
    Es bleibt doch einem im Leben nur das, was man verschenkt hat: die Sträuße aus Pusteblumen. Dies hast du endlich begriffen und - statt dich ins innere Refugium endgültig zurückzuziehen - human beschlossen, die Reihen der ehrenamtlichen Mitarbeiter des städtischen Krankenhauses zu verstärken. Schließlich kannst du es dir jederzeit leisten, unentgeltlich zu arbeiten, bist auch daran gewöhnt, an dein ewiges Umsonst.
    Seit Monaten liest du täglich den armen, verwandschaftslosen Koma-Patienten vor.
    Ob deine Worte irgendetwas in ihren Gehirnen bewirken können, weißt du nicht. Aber, wer
    weiß das schon? Am Ende bleibt doch immer ein unausgesprochenes Wort.
    -"Würden Sie jetzt, liebes Kind, von meinem Mann absteigen?" - diese eisige, steile und würdevolle Phrase ist nur in deinem Inneren entstanden, wie fast alle deine Phrasen.
    Ein günstiger Ägypten-Urlaub ("Preußen am Nil") dauerte einen Tag kürzer, eine kleine Überraschung für deinen unternehmungslustigen Strohwitwer.
    Von der Orientsonne verblendet und um die starke postklimakterische Depression endgültig zu besiegen, wagtest du einen kühnen Sprung ins Frivole, Spitzennegligé "Pompadour" lag hoffnungsvoll in deinem Koffer.
    Was passierte dann? Nichts. Ein typisch bürgerliches Trauerspiel, keine wilden Verzweiflungsstürme. "Schande und Spott mehr fürchtet als Gott", sagte schon im 12. Jh. einer der Minnebewandten und er hatte Recht.
    Eng an deinem Körper trägst du täglich ein raues, selbst gestricktes härenes Hemd, in deinen
    glasigen Augen liegt seit Jahren ein unbeholfener Ausdruck der echten Seelennot.
    So habe ich dich damals kennengelernt, eine verjährte Pracht von Weib: ein schickes, maßgeschneidertes Kostümchen, ein graues Hèrmes- Tuch und eine kleine Sämischledertasche. "Besser ein Narr in der Mode…" sagte einmal dein Lieblingsphilosoph und du hast das für immer behalten, statt dich manchmal um die eigene Urteilskraft zu kümmern.
    Ich stand an der Schwelle, meine berufsbedingten, selbstkonzipierten Klamotten sorgten für dein Staunen.
    "Lange Kleider, spitze Schuh' stehen böser Hexe zu…" haben wir vor sechzig Jahren im pommerischen Weisenhaus gesungen. Ja, ich komme von diesem wunderbaren Wasserland,
    bin zwischen Nebel, Seen und Wolken aufgewachsen, deshalb habe in dir sofort eine Undine erkannt. Du bist ein im Tränenwasser hausender Elementargeist, eine unsterbliche Seele wurde dir erst durch die Vermählung mit einem irdischen Mann zugeteilt.
    Beim Betrachten deines entbehrlichen Tandes hattest du jahrelang Reflexionen mit Illusionen vermischt und schließlich, zeitbedingt, einen Aufstieg von Kebse zur Köchin geschafft. Eine kluge Entscheidung.
    "Im Winter ist der Pommer noch dommer als im Sommer" hörte ich oft nach der Übersiedlung. Die stets fehlende Riposte stellte deutlich meine Beschränktheit unter Beweis. Deshalb brauchte ich mich nicht, beleidigt zu fühlen und mit Haß auf Haß zu antworten, eine minimale Lebensbejahung …
    Also damals kamst du zu mir, in deiner tiefen Lebenskrise, um in die Zukunft zu schauen.
    Meine Adresse - in der heruntergekommenen Hochhaussiedlung - war ein Geheimtipp für alle deprimierten Undinen, die Angst hatten, mit ihrem Heiligenschein sterben zu müssen. Ich habe in die Karten geschaut und immer eine unerwartete späte Liebe, späte Liebe, späte Liebe versprochen. Sie gingen glücklich fort und ließen mir Geld, was meine Nachbarn mit wachsendem Neid beobachteten. Eines Sommertages ist schließlich die obstinate Feindseligkeit in gerechten Volkeszorn ausgeufert: ich wurde im Hof mit leeren Bierflaschen beworfen. Ich fiel ins Koma, schwer verletzt landete ich im Krankenhaus.
    Dort habe ich dich, meine Undine, wieder getroffen. Gestern hast du mir einen interessanten Zeitungsartikel vorgelesen, wo die unkonventionellen, zukunftsorientierten Strafen für Jungkriminelle gepriesen wurden: eine alte, offensichtlich geistesgestörte Frau, habe die Jugendlichen provoziert und sich dadurch die Kopfverletzungen zugezogen. Aus erzieherischem Grunde müssten die jungen Männer zwei Stunden lang in Frauenkleidern durch die Innenstadt laufen.