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Tip
des Monats Mai 1998
Hans - Ulrich Treichel
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Alles dreht sich
um Arnold, den auf der Flucht aus den Ostgebieten verlorengegangenen älteren
Bruder des Ich-Erzählers. Arnold hier, Arnold dort. Ganze Fotoalben
sind mit Arnolds Kindergesicht gefüllt, während es von ihm, dem
Ich-Erzähler, kaum ein Foto gibt. Jedenfalls keines, auf dem er allein
zu sehen ist. Er ist eben nur „Sohn Nummer zwei“. Arnold spielt die Haupt-,
er nur eine Nebenrolle.
Was war passiert? Auf der Flucht vor den Russen hatte die Mutter den kleinen Arnold aus lauter Angst, erschossen zu werden, einer wildfremden Frau in die Arme gelegt. Aber weder sie noch der Vater wurden dann erschossen. Insofern war die Rettungsaktion fehlgeschlagen. „Vom Tag meiner Geburt an herrschte ein Gefühl von Schuld und Scham in der Familie“, schreibt Sohn Nummer zwei. Auch der spätere Erfolg des Vaters, der sich in verschiedenen Branchen versucht und schließlich selbstständiger Großhändler wird, kann den Verlust des geliebten Kindes Arnold nicht wettmachen. Trauer, Trauer, Trauer. Allein der Ich-Erzähler weiß nicht, worum, bzw um wen er eigentlich trauern soll. Für die Eltern wird in der Folge die Suche nach dem „Verlorenen“ zum einzigen Lebensinhalt. Und tatsächlich, eines Tages gibt es eine Spur. Da ist jemand gefunden worden, auf den die Beschreibung einigermaßen paßt, Findelkind 2307. Jetzt geht der Kampf erst richtig los. Blutuntersuchungen, Fingerbeerenmustervergleiche, Kopfvermessungen, Gipsabdrücke und und und. Die Ergebnisse werden von allen mit Spannung erwartet, allerdings mit unterschiedlichem Hoffen. Die Suche nach dem „Verlorengegangenen“ ist die Suche nach Wiedergutmachung. Mich begeistert dabei die Perspektive des Erzählers. Seine Sätze sind schlicht und ergreifen gerade deshalb. Treichel seziert geradezu die Schizophrenie einer ganzen Generation zwischen Schuldgefühl und Opfersein. Ein ungemein starkes Stück Prosa, dem ich viele Leser wünsche. Ronsdorfer
Bücherstube, Staasstraße 11 , 42369 Wuppertal
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