Tip des vorherigen MonatsChronologische Liste der RezensionenTip des folgenden Monats
 
Tip des Monats Juni 1999

Mulisch, Harry
Die Prozedur
Hanser Verlag. 267 Seiten, 1999
Preis & Buchdaten geb
Preis & Buchdaten TB

rezensiert
von

Christian
Oelemann
gebundenes Buch
 
Taschenbuch
 
 
 


Seit Jahren bin ich zu Zeiten der Nobelpreisverleihung stets ein wenig nervös, denn die Frage, ob er ihn endlich bekommt, ist bislang offen geblieben. Gemeint ist Harry Mulisch, der große Mann der niederländischen Literatur. Nach seinem fulminanten Roman "Die Entdeckung des Himmels" fürchteten viele, daß nun eigentlich keine Steigerung mehr möglich sei, hatte der Autor doch die Meßlatte selbst sehr hoch gehängt. Und ob nun "Die Prozedur" tatsächlich eine Steigerung bedeutet, vermag ich nicht zu entscheiden. Fest steht: Mulisch hat schon wieder einen Roman vorgelegt, der begeisternd ist. Man möchte es, kaum hat man das Buch zugeklappt, sofort wieder von vorn beginnen. 

 Wenn zu Beginn der Eindruck entsteht, es handele sich um eine komplizierte, vielleicht sogar ein wenig verworrene Komposition (eingeteilt in drei Akte), so stellt sich ganz schnell heraus: nein, die Geschichte ist gradlinig erzählt und spannend höchstem Maße. Der Einteilung in drei Akten entspricht die Unterscheidung von theologischem, biologischem und ästhetischem Schöpfungsakt, und nichts anderes bedeutet auch der Titel "Die Prozedur". 

Teil A erzählt vom berühmten Prager Rabbiner Löw, der als einer der gelehrtesten Männer seiner Zeit galt. Von Rudolph dem Zweiten wird er gezwungen, einen Golem, also einen künstlichen Menschen zu erschaffen. Das Experiment gelingt zunächst, fällt aber, nachdem sich der Homunculus als grausames Monster erweist, in sich zusammen. Löw muß ihm das Leben wieder nehmen , übrig bleibt ein Haufen Lehm. 

360 Jahre später steht der eigentliche Held des Romans, Victor Werker, kurz vor der Verwirklichung des Experiments, aus künstlicher Materie einen Menschen herzustellen, den Eobionten. Werker ist der wohl genialste Genforscher seiner Zeit, und der Papst warnt die Menschheit vor ihm. Seine Frau hat ihn jedoch verlassen, weil er sie im Augenblick der Geburt ihrer toten Tochter allein gelassen hatte. Er konnte die Situation nicht ertragen, flüchtete aus dem Kreißsaal. Nun reist er um die Welt, von Kongressen zu Professuren, und schreibt Briefe an seine tote Tochter. Die haben es allerdings in sich. Bisher ist jeder Versuch der Schöpfung in die Hose gegangen. Entweder, weil das Geschöpf (wie bei Rabbi Löw) außer Kontrolle geriet, oder weil sich die Schöpfung als unzulänglich erwies. Das Mephisto-Motto, daß alles, was besteht, wert ist, zugrunde zu gehen, scheint auf die Schöpfung selbst anzuwenden zu sein. Wer Leben schafft (schaffen will) bezahlt mit dem Tod. 

Wenn Sie ein ganz leichtes und amüsantes Buch lesen möchten, das Ihnen kein erwähnenswertes Mitdenken abverlangt, dann vermeiden Sie den Kauf dieses Romans. Wenn Sie aber Lust haben, einem großen Autor in jedweden Winkel des Denkens zu folgen, dann greifen Sie zu. Ich verspreche Ihnen, es lohnt sich, und es gibt auch zu lachen, eine Menge so gar. Darin bleiben sich die Romane Harry Mulischs alle treu.

Ronsdorfer Bücherstube, Staasstraße 11 , 42369 Wuppertal 
Telefon : 0202 / 246 16 03 
Fax : 0202 / 246 16 04