rezensiert
von
Susanna
Erb

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Der Carlsen Verlag
hat, das ist allen längst bekannt, mit "Harry Potter" das ganz große Los
gezogen. Solche Verkaufszahlen gab es in der Geschichte des gedruckten
Buchs zuvor nicht. Daß es im Carlsen-Programm dabei noch andere Titel
gibt, die es unbedingt verdienen, gelesen und geliebt zu werden, möchte
ich am Beispiel von Hermann Schulz "Sonnennebel" darlegen. "Sonnennebel",
das ist eines der Bücher, die mich im letzten Jahr von der ersten Seite
an begeisterten, fesselten, ja: alles um mich herum vergessen ließen.
Freddy Halstenbach ist Waise, hat seine Eltern im Krieg verloren. Seine
Tante, beinahe selbst noch ein Kind, kümmert sich um ihn, versucht ihn
zu erziehen. Das allerdings ist sehr schwer, denn erstens sind die Zeiten
schlimm, es herrscht Knappheit an allen Enden und Kanten, und zweitens
ist Freddy ein verschlossener Kerl, der niemanden an sich heranläßt. Hermann
Schulz kann wie kein zweiter die Stimmung in einer niederrheinischen Bergarbeitersiedlung
zu Beginn der 50er Jahre beschreiben.
Tauben werden gezüchtet, das gehört dazu, das ist der ganz kleine Luxus,
den sich Bergleute damals leisteten. Auch Freddy züchtet und liebt Tauben.
Sonnennebel ist für die flatternden Lieblinge gefährlich, die Sonne ist
bereits aufgegangen, aber die Erde liegt noch vom Nebel zugedeckt da,
es ist schwierig, die Orientierung zu behalten, so manche Brieftaube kehrt
dann nicht zurück. Freddy steckt sozusagen im Sonnennebel seines jungen
Lebens. Wie er sich abgrenzen kann gegen Lehrer und Tante, wie die verbotene
Liebe zu Cornelia realisieren, mit der er später einmal fort will, um
ein anderes, besseres Dasein zu schaffen, das alles ist vollkommen ungewiß.
Freddy ist randvoll mit Gefühlen, aber Gefühle waren damals nicht gefragt,
sie "gehörten nicht zu den Möglichkeiten". Entscheidungen treffen, das
ist angezeigt. Freddy bleibt es deshalb nicht erspart, zum Totschläger
zu werden, als er seinen besten Freund in Lebensgefahr weiß und schützen
muß.
Herauszufinden, was "gut" und was "böse" ist, darum geht es letztendlich,
das ist immer wieder Thema bei Hermann Schulz (auch seine anderen Bücher
seien hier wärmstens empfohlen) und Freddy lernt seine harte Lektion zwischen
Altnazis und Mitläufern auf der einen, aber auch aufrechten Menschen mit
Zivilcourage auf der anderen Seite.
Hermann Schulz schreibt ganz ohne pathetisch erhobenen Zeigefinger, seine
warme, menschliche Sprache schafft ein Zuhause für Jugendliche, die gerne
wissen möchten, wie das damals so war, und ebenso für Ältere, die sich
dank "Sonnennebel" erinnern dürfen. Dank an Hermann Schulz, sein Buch
ist ein Kleinod im gigantischen Bücherwust. Wir sollten ihn hegen.
Ronsdorfer
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