rezensiert
von
Christian
Oelemann

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Erinnern Sie sich
noch an unseren zweiten Tip des Monats Juli 1997? Nein, das wäre ein wenig
viel verlangt, ich gebe es zu. "Saubere Arbeit" hieß der Roman, und geschrieben
hat ihn der Engländer David Lodge. Sein neues Meisterwerk knüpft an das
Campus-Leben an. Die Schriftstellerin Helen Reed Wir erfahren ihre Gedanken
aus dem Tagebuch, das sie führt, um eventuell Material daraus für einen
neuen Roman verwenden zu können. Helen ist einem Ruf der Universität Glocester
gefolgt, um einen Kurs über "Kreatives Schreiben" zu leiten. Sie hat vor
einiger Zeit ihren geliebten Ehemann verloren, steckt tief in einem Loch
aus Trauer und Schmerz, von dem Lehrauftrag erhofft sie sich heilenden
Abstand. Köstlich, ihre Zweifel zur Daseinsberechtigung der erzählenden
Literatur! Ich habe mir ganze Passagen in mein Notizbuch abgeschrieben.
Wie in "Saubere Arbeit" gibt es in "Denkt" einen zweiten, "männlichen"
Handlungsstrang. Ralph Messenger (50) ist Kognitionswissenschaftler an
der selben Uni. Sein neues Experiment sieht das planlose Besprechen von
Bändern vor, um daraus Rückschlüsse auf das menschliche Denken ziehen
zu können. Wir "hören" ihn also, nehmen vergnügt Anteil an seinen überwiegend
sexuellen Fantasien, die durch das Auftauchen Helens neue Nahrung bekommen.
Aber klar: Helen und Ralph sind wie Feuer und Wasser. Ihre Ansichten über
die das, was man "Bewußtsein" nennt, klaffen weit auseinander, es kommt
sogar zu einer hitzigen Debatte im Whirlpool der Familie Messenger.
Lodge (selbst Professor) ist nicht nur ein stilsicherer Formulierer, er
beherrscht das Ausloten der geheimnisvollen menschlichen Psyche grandios.
"Denkt" (der Titel meint die Pünktchen, die Comicfiguren mit ihren Sprechblasen
verbinden) ist ein witziger Roman, witzig im britischen Sinne, also geistreich,
erhellend, vergnüglich. Ein Buch, das eigentlich unbezahlbar ist, denn
man kann es wieder und wieder lesen, ohne sich zu langweilen. Und eines
kann ich Ihnen versprechen: Sie werden sich in Ihrem Alltag immer wieder
an Helen und Ralph erinnern, werden sich dabei ertappen, daß Sie plötzlich
eine Position beziehen, die Ihnen zuvor vielleicht suspekt vorkam. Ich
wünsche David Lodge beste Gesundheit, geplant ist nämlich ein abschließender
dritter Campus-Roman. Freilich wird er sich anstrengen müssen, denn die
Meßlatte "Denkt" hängt sehr hoch!
Freuen Sie sich auf Ihre Stunden mit "Denkt"!
Ronsdorfer
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