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Tip des Monats März 2001

Die Unwissenheit
Milan Kundera
Hanser
Preis & Buchdaten

rezensiert
von

Christian
Oelemann

geb. Buch
 
 
 
 
 
 
 

 


Nun lebt Milan Kundera schon beinahe 30 Jahre in Frankreich, doch läßt ihn die Tschechei (Tschechoslowakei) natürlich nicht in Frieden. Er ging damals, und er wußte, daß es kein Zurück geben würde; selbst nach dem damals unerwarteten Zusammenbruch der Sowjetunion ist er in Böhmen nicht mehr und in Frankreich auch nicht zuhause. Sein neuer Roman, der dritte in französischer Sprache geschriebene, erzählt virtuos, wie es sonst allenfalls ein Harry Mulisch könnte, das Schicksal eines Emigrantenpaares, das sich zufällig am Pariser Flughafen trifft. Kundera erzählt grandios! Nur einen halben Tag verbringen die beiden Protagonisten miteinander, aber durch geschickte Rückblenden und essayistische Ausflüge in die Etymologie und die griechische Mythologie zeigt Kundera, wie sich der Prozeß fortschreitender Entfremdung - recht grausam eigentlich - zwangsläufig vollzieht. Treffen Schicksalsgenossen (die gemeinsam an ihrer Heimatlosigkeit leiden) aufeinander, entsteht zwar Nähe, sie führt vielleicht sogar auf ziemlich direktem Wege ins Bett (denn Kundera war immer schon auch ein begeisterter Erotiker), aber dann herrscht Sprachlosigkeit vor. Irena, Witwe seit vielen Jahren, lebt mit dem Schweden Gustav zusammen in Paris. Ihre französische Freundin drängt sie, ihrer Heimatstadt einen Besuch abzustatten, "nach Hause" zu fahren. "Nach Hause"? Auf dem Weg nach Prag begegnet sie Josef, einem Tierarzt, der die kommunistische Tschechoslowakei ebenfalls vor Jahrzehnten verließ und seitdem in Kopenhagen wohnt, wo er heiratete und ebenfalls Witwer wurde. Gut eingefädelt, möchte ich meinen. Eine Frau und ein Mann, die vergleichbare Lebensgeschichten haben, und beide sind randvoll Sehnsucht. Eine Leidenschaft beginnt. Und dann das Aber. Ihre Fremdheit (fremd im Exil und fremd in der alten Heimat, sogar fremd in sich selbst) stellt sich als unaufhebbar heraus, das Gebäude aus Illusionen bricht jäh zusammen, die kurze Beziehung endet in einem Fiasko. Kunderas Figuren atmen, sind aus Fleisch und Blut. Ihren Gedanken zu folgen übt einen Sog aus, dem man sich nicht entziehen kann, es sei denn, man miede die Lektüre. Ähnlich wie in seinem Welterfolg "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" (man hätte dieses Meisterwerk nicht verfilmen dürfen) beweist Kundera, daß Intimität nie ohne Zeitgeschichte auskommt, ob man es nun wahrhaben möchte oder nicht. Ein kleiner, und doch ganz großer Roman, dem ich viele Leser wünsche. Mich hat "Die Unwissenheit" gefesselt, und ich bin nach der Lektüre zwar noch immer ein Unwissender, fühle mich aber doch ein wenig klüger als zuvor, wie immer, wenn ich Kundera gelesen habe, den psychologischen Philosophen und philosophischen Psychologen. "Die Unwissenheit" ist ein Roman, den man nicht nur einmal liest.

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