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Tip des Monats Juni 2001

Verzeihen Sie, ist das hier schon die Endstation?
Erika Pluhar

Hoffmann & Campe
Preis & Buchdaten

 

rezensiert
von

Susanna
Erb

geb. Buch
 
 
 
 
 
 
 

 


Erika Pluhar vorzustellen ist sicher nicht notwendig. Sie alle kennen die Wiener Burgschauspielerin mit der dunklen Stimme seit Jahrzehnten; auch als Chanson-Sängerin ist sie weltberühmt. Daß die Pluhar indes auch eine bedeutende Schriftstellerin ist, wissen viele noch nicht. 1998 erschien bei Hoffmann & Campe "Mathildas Erfindungen". Mein Herz hat jedoch erst wegen ihres neuen, soeben erschienenen Romans schneller zu schlagen begonnen. "Verzeihen Sie, ist das hier schon die Endstation?" gehört zu den ganz großen literarischen Würfen dieses Buchfrühlings.
Erika Pluhar ist eine geschickte Satztechnikerin, ihr gelingt es, aus einem Zwiegespräch, das einige Stunden Realzeit dauert, einen Text zu schaffen, der uns das Leben zweier in die Jahre Gekommener in bunter Breite aufdeckt. Die Geschichte eines Mannes und einer Frau, ein Spätnachmittag in Wien. Die Pragerin Nelly bereist zum ersten Mal die österreichische Hauptstadt, in der einst ihre Mutter geboren wurde. Sie kennt sich naturgemäß nicht aus und fragt in der Straßenbahn einen Herrn um die Sechzig: "Verzeihen Sie, ist das hier schon die Endstation?" Es ist noch nicht die Endstation, wie Sie sicher erraten werden, aber es ist der Auftakt zu einer lebenswichtigen Begegnung. Ganz klar, die beiden sind sich sympathisch, anders hätten sie nicht so schnell Vertrauen fassen können, um nach allerlei Geplänkel über Gott und die Welt auch die dunklen Seiten ihrer jeweils eigenen Vergangenheit ans Licht zu holen. Vertrauen spielt die vielleicht alles entscheidende Rolle bei dieser Zufallsbegegnung; nicht nur das Wagnis, von den eigenen Tragödien zu erzählen setzt Vertrauen voraus, auch das verständnisvolle Zuhören ist gewiß anders nicht möglich. Beide sind sie von Hause aus Künstler, Nelly wäre um ein Haar eine berühmte Konzertpianistin geworden und opferte ihre Begabung auf dem Altar der Liebe, Rudolf arbeitete vor seiner Alkoholkatastrophe als Regisseur. Beide haben sie die ganz große Liebe mindestens einmal erfahren, beide sind längst Gevatter Tod begegnet, und doch hat jeder eine so anders verlaufene Biographie, das man sich als Leser (bzw. Hörer) dieses Dialogs an einigen Stellen wie ein unerlaubter Zaungast vorkommen wird (was allerdings den Genuß eher noch steigert denn schmälert).
Intim, jedoch niemals vulgär erzählen sich Nelly und Rudolf ihre Herzen frei, indes es Nacht wird und bald schon wieder Morgen. Nicht auszudenken, wenn Nelly Rudolfs anfängliche Einladung auf einen "kleinen Braunen" ausgeschlagen hätte!
Ein wirklich großartiger Roman, sprachgewaltig und durch und durch spannend. "Verzeihen Sie, ist das hier schon die Endstation?" zu lesen ist ein ebenso starker Eindruck wie das Hören; in der vorliegenden Hörbuchproduktion spricht Erika Pluhar die Rolle der Nelly selbst, während Rudolf virtuos von Peter Simonischek gespielt wird, ebenfalls ein Star der Wiener Burg. Gönnen Sie sich Erika Pluhars Meisterwerk!

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