rezensiert
von
Susanna
Erb

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Erika Pluhar vorzustellen
ist sicher nicht notwendig. Sie alle kennen die Wiener Burgschauspielerin
mit der dunklen Stimme seit Jahrzehnten; auch als Chanson-Sängerin ist
sie weltberühmt. Daß die Pluhar indes auch eine bedeutende Schriftstellerin
ist, wissen viele noch nicht. 1998 erschien bei Hoffmann & Campe "Mathildas
Erfindungen". Mein Herz hat jedoch erst wegen ihres neuen, soeben erschienenen
Romans schneller zu schlagen begonnen. "Verzeihen Sie, ist das hier schon
die Endstation?" gehört zu den ganz großen literarischen Würfen dieses
Buchfrühlings.
Erika Pluhar ist eine geschickte Satztechnikerin, ihr gelingt es, aus
einem Zwiegespräch, das einige Stunden Realzeit dauert, einen Text zu
schaffen, der uns das Leben zweier in die Jahre Gekommener in bunter Breite
aufdeckt. Die Geschichte eines Mannes und einer Frau, ein Spätnachmittag
in Wien. Die Pragerin Nelly bereist zum ersten Mal die österreichische
Hauptstadt, in der einst ihre Mutter geboren wurde. Sie kennt sich naturgemäß
nicht aus und fragt in der Straßenbahn einen Herrn um die Sechzig: "Verzeihen
Sie, ist das hier schon die Endstation?" Es ist noch nicht die Endstation,
wie Sie sicher erraten werden, aber es ist der Auftakt zu einer lebenswichtigen
Begegnung. Ganz klar, die beiden sind sich sympathisch, anders hätten
sie nicht so schnell Vertrauen fassen können, um nach allerlei Geplänkel
über Gott und die Welt auch die dunklen Seiten ihrer jeweils eigenen Vergangenheit
ans Licht zu holen. Vertrauen spielt die vielleicht alles entscheidende
Rolle bei dieser Zufallsbegegnung; nicht nur das Wagnis, von den eigenen
Tragödien zu erzählen setzt Vertrauen voraus, auch das verständnisvolle
Zuhören ist gewiß anders nicht möglich. Beide sind sie von Hause aus Künstler,
Nelly wäre um ein Haar eine berühmte Konzertpianistin geworden und opferte
ihre Begabung auf dem Altar der Liebe, Rudolf arbeitete vor seiner Alkoholkatastrophe
als Regisseur. Beide haben sie die ganz große Liebe mindestens einmal
erfahren, beide sind längst Gevatter Tod begegnet, und doch hat jeder
eine so anders verlaufene Biographie, das man sich als Leser (bzw. Hörer)
dieses Dialogs an einigen Stellen wie ein unerlaubter Zaungast vorkommen
wird (was allerdings den Genuß eher noch steigert denn schmälert).
Intim, jedoch niemals vulgär erzählen sich Nelly und Rudolf ihre Herzen
frei, indes es Nacht wird und bald schon wieder Morgen. Nicht auszudenken,
wenn Nelly Rudolfs anfängliche Einladung auf einen "kleinen Braunen" ausgeschlagen
hätte!
Ein wirklich großartiger Roman, sprachgewaltig und durch und durch spannend.
"Verzeihen Sie, ist das hier schon die Endstation?" zu lesen ist ein ebenso
starker Eindruck wie das Hören; in der vorliegenden Hörbuchproduktion
spricht Erika Pluhar die Rolle der Nelly selbst, während Rudolf virtuos
von Peter Simonischek gespielt wird, ebenfalls ein Star der Wiener Burg.
Gönnen Sie sich Erika Pluhars Meisterwerk!
Ronsdorfer
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