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Tip
des Monats November 2001
Uwe Timm |
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Rot. Drei Buchstaben, die alles sagen. Knapper geht es kaum. Und gehaltvoller, gewitzter, intelligenter kann ein Roman kaum sein: Er bündelt die jüngsten dreißig Jahre deutscher Geschichte, er erzählt vom Scheitern der großen Utopien, von Revolution und Resignation, er stellt die Frage nach dem Sinn des Lebens, er spricht von Liebe, Sex und Tod. Wir werden Zeugen seiner Geschichte und spüren, dass es unsere Geschichte war und ist. Uwe Timm hat schon mehrere herausragende Romane geschrieben, darunter "Die Entdeckung der Currywurst" und "Der Mann auf dem Hochrad". "Rot" jedoch, davon bin ich überzeugt, ist Timms mutigstes und bestes Werk. Mit dem Tod ist Thomas Linde beruflich vertraut (er bestreitet sein Leben mit dem Halten von Beerdigungsreden). Seine Kunden sind die Ungläubigen. Lindes Aufgabe, Trost spenden zu müssen, ohne auf ein Jenseits verweisen zu können, kostet ihn viel Kraft. "Machen Sie es nett", sagt der Bestattungsunternehmer oft, wenn er ihm einen neuen Auftrag gibt. Linde macht es nett, sehr nett sogar, manchmal geradezu komisch, aber er leidet darunter, dass die Grabrede unter allen literarischen Gattungen die verlogenste ist. Er leidet auch deshalb, weil er, der ehemalige Achtundsechziger, einst an Wahrheit und Wahrhaftigkeit geglaubt hat (und insgeheim immer noch glaubt). Nicht nur das Auftauchen von Iris (21) bringt das Leben des allmählich altersweisen Thomas Linde in Wallung. Da ist noch ein gewisser Lüders, der ihn vor seinem Tod zum Grabredner bestellt hat. Linde recherchiert die Geschichte des gleichaltrigen Mannes und erkennt in ihm den ehemaligen Genossen Aschenberger. Unter den nachgelassenen Papieren in einer Kellerwohnung, vollgestopft mit Schriften von Marx bis Marcuse, stößt er auf zahlreiche Notizen, etwa diese: "Skins, die Obdachlose und Behinderte totprügeln, setzen auf eigene Faust um, was das System zwar nicht ausspricht, aber aus seiner Logik verlangt, alles Überflüssige, Unrentable zu tilgen." Gar nicht falsch, oder? Aber äußert heutzutage ein Intellektueller noch sowas? Auch Aschenberger, der die Siegessäule am Tag des Umzugs der Bonner Regierung nach Berlin in die Luft sprengen wollte, ist ein, nein, war ein Übriggebliebener, der Linde ganz plötzlich den Spiegel vorhält. Ich empfehle Ihnen dieses Meisterwerk zur eigenen Lektüre, auch aber als Geschenk für gute Freunde. Große Stunden werden Sie mit "Rot" erleben, ganz gewiß! Bei Rot geht Linde
übrigens (wir erfahren es bereits auf der ersten Seite) über die Kreuzung.
Die Farbe der Revolution und der Liebe, die sein bewegtes Leben bestimmt
hat, wird ihm zum Verhängnis. Ronsdorfer
Bücherstube, Staasstraße 11 , 42369 Wuppertal
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