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Tip des Monats Dezember 2001

Peter Esterhazy
Harmonia Caelestis
Berliner Verlag
Preis & Buchdaten

rezensiert
von

Christian 
Oelemann
 
 
gebundenes Buch
 
 
 
 


Mit Superlativen sollte man unbedingt geizen. Einen Roman als epochal zu bezeichnen verlangt Überzeugung, denn viele Kritiker haben sich mit voreiligen Lobeshymnen auf Dauer lächerlich gemacht, und das will ich gern vermeiden. "Harmonia Caelestis" von Peter Esterhazy indes ist nun wirklich ein epochaler Roman, und ich behaupte, er gehört zu den wenigen Romanen unserer Zeit, die noch im nächsten Jahrhundert gelesen werden - vorausgesetzt, es gibt dann noch Leser.

Erzählt wird die Geschichte der habsburgischen Aristokratenfamilie Esterhazy, von der Sie gewiß schon gehört haben. Kaum eine Beethovensonate, die nicht irgendeinem Fräulein von Esterhazy gewidmet ist. Unser Esterhazy jedoch wurde 1950 geboren, als Ungarn längst ein Land "drüben" war.

Was für ein Wunderwerk an Geist und Witz! Verena Auffermann, eine meiner liebsten LiteraturkritikerInnen sei hier zitiert:

"Peter Esterhazys Kopf hat zwei Hälften. Den Spaß und den Ernst oder das Keben und das Sein. Beide Hälften kann er leicht miteinander vereinen." Und das auf 920 Seiten.

Buch I heißt "Numerierte Sätze aus dem Leben der Familie Esterhazy". Es bietet geradezu eine Sinfonie an Legende und Episoden, ein Mosaik aus Texten, in denen jede Chronologie aufgehoben ist, und die nur eine Hauptfigur kennen: den Vater. Der ist ein echter Schwerenöter und Nichtsnutz, Tyrann zwar, aber plemplem. Buch 2 heißt: "Bekenntnisse einer Familie Esterhazy". Darin wird erzählt, undzwar mit einer Virtuosität eines Thomas Mann (überhaupt habe ich immer wieder an die Buddenbrooks denken müssen), vom Leben einer aristokratischen Familie im 20. Jahrhundert unter den Bedingungen der Diktatur, seit der Räterepublik 1919 bis in die jüngere Vergangenheit. Wie Mann kann Esterhazy die Zeitläufte brillant chronisieren, bespötteln, be-greifen.

"Es ist elend schwer zu lügen, wenn man die Wahrheit nicht kennt." Schon der erste Satz aus "Harmonia Caelestis" gibt zu denken auf, und ich verspreche Ihnen, Sie werden noch viel ans Denken kommen, aber auch lachen werden Sie, ganz gewiß. "Harmonia Caelestis" ist neben Albert Vigoleis Thelens "Insel des zweiten Gesichts" (unser Tip des Monats August 1999) der gelungenste europäische Roman nach dem zweiten Weltkrieg, tut mir leid, Herr Grass, die "Blechtrommel setze ich erst auf Platz 3. Gönnen Sie sich (oder Ihren Freunden) große Stunden während der Adventswochenenden oder den Weihnachtsfeiertagen. Dank sei dem Berlin Verlag für diese Herausgabe!

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