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Tip des Monats August 2002

Bodo Kirchhoff
Schundroman

Frankfurter Verlagsanstalt
Preis & Buchdaten

rezensiert
von

Christian
Oelemann
 
 
gebundenes Buch
 
 
 
 


Bodo Kirchhoff hat schon etliche gute Romane und Erzählungen geschrieben. Im Rampenlicht hat er damit allerdings nicht gestanden. Schade. Jetzt jedoch ist er berühmt, dank Frank Schirrmacher von der FAZ.

Bodo Kichhoff? Da war doch was ... Ist das nicht der andere, der soeben Marcel Reich-Ranicki ermordet hat?

Genau der ist es, und sein Buch ist unser Tip des Monats. Im Gegensatz zu Martin Walsers "Tod eines Kritikers" ist "Schundroman" ein wirklich großartiger Roman. "Warum tut lieben mehr weh als töten?" fragt sich Willem Hold, ein Profikiller, eigens von den Phillipinen hergeflogen, um einen Großindustriellen zu töten. Es ist gerade Messezeit in Frankfurt, und der sympathische Mörder hat sich soeben in seine Sitznachbarin verliebt, eine Edelnutte mit Herz, Nerven und einem kleinen Geheimnis, dessentwegen sie Willem bittet, ihr einen im Flughafen auf sie wartenden Privatdetektiv vom Leib zu halten. Was für ein Pech, daß Hold ausgerechnet den berühmtesten deutschen Kritiker, der sich zufällig in der Flughafenbuchhandlung aufhält, niederstreckt. Und damit hat sich das Thema MRR auch schon erledigt. Was nun folgt, ist eine schrille Geschichte, sprachlich und inhaltlich bravourös gemeistert

Hauptpersonen (in der Reihenfolge ihres Auftretens) :

Willem Hold, seinem Gefühl nach Anfang Zwanzig, in Wahrheit leider älter; war seit zehn Jahren nicht mehr in Deutschland, aus gutem Grund, reist jetzt an, um einen Mann zu töten.
Lou Schultz, Ende Zwanzig, verdammt schön; tut es für Geld und hat bei der Gelegenheit einen Picasso abgestaubt; sitzt neben Hold im Flieger nach Frankfurt, First Class.
Dr. Cornelius Zidona, begnadeter Akquisiteur, kann alles herbeireden, vom kompletten Maschinenpark bis zur eigenen Männlichkeit.
Ollenbeck, neuerdings Schriftsteller, nur ein Buch und schon das Männerwunder der deutschen Literatur.
Louis Freytag, Großkritiker, alterslos, wird aus Versehen getötet, scheint danach immer noch auf die Pauke zu hauen.
Carl Feuerbach und Helene Stirius, beide früher im Polizeidienst, heute Privatdetektive mit erstem Auftrag: einen verschwundenen Picasso aufzuspüren, wohnen zwangsweise zusammen, siezen sich vorsichtshalber.
Johann Manfred ›Big Manni‹ Busche, um die fünfzig; hat schon als Kind von riesigen Bohrern geträumt und inzwischen zig Millionen durch Leasing-Geschäfte gemacht.
Vanilla Campus-Busche, zwischen dreißig und fünfzig, bis zu einem legendären Ausrutscher Nachrichtensprecherin, danach Profi-Prominente und schließlich die Gattin von Busche; hat gerade ihr erstes Buch veröffentlicht, eine Sexfibel, Bodymotion.

Der Plot des "Schundromans" hat ein atemberaubendes Tempo, die Spannung versiegt an keiner Stelle, auch wenn wir als Leser nie recht wissen, wo wir uns gerade befinden: in einem Szenekrimi, einer Liebesgeschichte oder einer Persiflage auf beides. Selbst nach dem großartigen "Showdown" auf dem Gardasee, Kirchhoff betritt dabei selbst die Bühne, bleibt das ungewiß. Zumindest gehen die Bösen zugrunde, die Guten jedoch, mit denen wir halten wollen, haben eine wie auch immer geartete Zukunft. Ein Schundroman also, der "Schundroman". Aber was für einer! Ich kenne keinen anderen deutschen Schriftsteller, der sich dergestalt souverän in verschiedenen Genren - und das innerhalb eines Textes - bewegen könnte wie Bodo Kirchhoff.

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