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Tip des Monats Oktober 2003

Uwe Timm
Am Beispiel meines Bruders

Kiepenheuer & Witsch
Preis & Buchdaten

rezensiert
von

Christian
Oelemann
 
 
gebundenes Buch
 
 
 
 


Hiermit schließe ich mein Tagebuch, da ich für unsinnig halte, über so grausame Dinge, wie sie manchmal geschehen, Buch zu führen.
Das ist das Ende des Buches, offen für ein wenig Hoffnung und sehr viel Trauer.
Ungewöhnlich vielleicht, einen Lesetip so zu beginnen, aber mir scheint es der Sache dienlich. Sie kennen Uwe Timm längst, er gehört zu den wichtigen zeitgenössischen Autoren, und seinen stilistisch ganz anders geprägten Roman "Rot" habe ich an selber Stelle (http://www.buchkultur.de/tip/2001-11.htm) bereits zu meinen Lieblingsbüchern erklärt.
Mehrmals, so Uwe Timm, habe er den Versuch gemacht, über seinen Bruder zu schreiben. Er konnte es nicht. "Ein ängstliches Zurückweichen" habe ihn daran gehindert. Zu fremd war ihm der 16 Jahre ältere Karl-Heinz, der sich freiwillig zur Waffen-SS meldete und als Panzerpionier in der SS-Totenkopfdivision kämpfte, einer Eliteeinheit. Für die Eltern war er "der tapfere Junge", auf den sie stolz waren. Als die Todesnachricht kam, war Uwe Timm gerade drei, hatte von Stolz noch keinen Schimmer.
Uwe Timm, der Nachzügler, rekonstruiert die Geschichte seines Bruders und die Geschichte einer Familie, wie es sie zu Tausenden damals in Deutschland gab. Das drückt auch der Titel aus: Am Beispiel meines Bruders, kein Roman, sondern ein dokumentarischer Bericht, bestehend aus Erinnerungen, aus Feldpostbriefen und knappen Tagebuchnotizen. Karl-Heinz war einer von vielen jungen Männern, die für Hitler in den Krieg zogen. Ein 18-Jähriger voller Idealismus, der sich nicht drücken wollte, der Gehorsam gelernt hatte und genau wusste, was "man" von ihm erwartete.
Funktionieren wollte er, und das ist das Schlimmste: ein guter Mensch sein, mit Maschinenpistole im Anschlag. Kennen wir das nicht auch heute? Wird nicht von einem bekannten Politiker mit reichlich Einfluss eine breite Front gegen die "Achse des Bösen" gefordert?
"Scheinbar haben diese Leute hier unten noch nichts mit der SS zu tun gehabt. Sie freuten sich alle, winkten, brachten uns Obst usw."
Mir fielen bei diesem Zitat die Afghanen ein. Sie hatten kein Obst zum Darbieten, kein Kaugummi und keine Zigaretten, und ihre Freude über die Eindringlinge hielt sich sehr rasch schon in Grenzen, als sie überfallen wurden.
Uwe Timm hat uns ein Buch geschenkt, das - meine Prognose, zumindest mein Wunsch - Pflichtlektüre an deutschen Schulen werden wird. Warten wir mal zwei, drei Jahre.



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