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Tip des Monats November 2003

Lars Saabye Christensen
Der Halbbruder

btb
Preis & Buchdaten

rezensiert
von

Susanna
Erb
 
 
gebundenes Buch
 
 
 
 


Es ist wirklich erfreulich, wie groß der Einfluß von sogenannten "Literatursendungen" im Fernsehen ist. Vielleicht hätte es sonst das Buch von Carlos Ruiz Zafon "Der Schatten des Windes" nicht auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste gebracht. Wie dem auch sei: Dort gehört es unbedingt hin! Es müßte sich meineserachtens allerdings seinen Erfolg mit einem anderen, ebenfalls sehr umfangreichen, Roman teilen, von dem leider in keiner bisherigen TV-Sendung die Rede war: Lars Saabye Christensens "Der Halbbruder", ausgezeichnet mit dem Nordischen Literaturpreis.
In Norwegen wird der 1953 geborene Autor bereits seit gut zwei Jahrzehnten gefeiert. Er beherrscht alle Genres, schreibt packende Krimis ebenso gekonnt wie psychologisch raffinierte Erzählungen. Er ist ein Meister der Lyrik, und nun hat er in Deutschland seinen ersten "Schmöker" vorgelegt - und der hat es in sich!
Es ist ein großer, bunter Roman über das Leben und die Liebe, voller Magie und voller Rätsel. Christensen verwebt kunstvoll so viele Handlungsstränge miteinander, daß man in Kürze eine Inhaltsangabe kaum anzufertigen vermag.
Der Einstieg könnte brutaler kaum sein:
Barnums älterer Halbbruder Fred wird am 8. Mai 1945, dem Befreiungstag, durch eine Vergewaltigung gezeugt. Barnums Mutter Vera hat daran so schwer zu tragen wie Fred selbst. Der Täter bleibt unbekannt.
Die Männer dieses Buches sind Schattenmänner. Sie verschwinden in Grönlands Eiswüsten oder in "Cochs Hospiz", ein paar Straßen weiter, sie werden von der Polizei fälschlicherweise für tot erklärt. Das Buch erzählt von Männern, die sich aus der Verantwortung stehlen - allesamt Variationen des Sagenhelden Peer Gynt; und von Frauen, die das Sagen haben, die die Stärke haben zu warten, zu überleben, irgendwie und irgendwo, Frauen, die sich in ihrer Opferrolle eingerichtet haben.
Mit Melancholie und Humor erzählt Christensen vom Lieben und Hoffen, vom Scheitern und Gelingen, von Lüge und Betrug, von Täuschung und Enttäuschung. Lachen und Weinen, Komik und Trauer liegen nah beieinandner. Der Leser tut gut daran, dem unzuverlässigen Ich-Erzähler Barnum nicht alles abzukaufen.
Der Inhalt, die Sprache, der Rhythmus des Buches - alles übt einen unwiderstehlichen Reiz aus.
Ich war gebannt und ergriffen und habe beim Lesen alles um mich herum vergessen.
Genau dieses Erlebnis möchte ich auch Ihnen wünschen! Entdecken Sie Lars Saabye Christensen, seine Erzählkunst und den phänomenalen Sog seiner Sprache!
Christel Hildebrandts kraftvolles und stilsicheres Deutsch beschert uns mit Lars Saabye Christensens "Der Halbbruder" einen Roman, an den Sie sich noch lange erinnern werden!



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