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Tip des Monats Januar 2004

Asfa-Wossen Asserate
Manieren

Eichborn
Preis & Buchdaten

rezensiert
von

Christian
Oelemann
 
 
gebundenes Buch
 
 
 
 


Manieren! Allein das Wort löste bei mir im ersten Moment Heiterkeit aus, so obsolet kam mir der Titel Asfa-Wossen Asserates Buch zunächst vor. „Sei doch manierlich!“, hörte ich die mahnende Stimme einer vor Jahrzehnten verstorbenen Tante, und prompt untersuchte ich meine Fingernägel auf korrekte Sauberkeit. Indes hat das gut 380 Seiten starke Werk des äthiopischen Prinzen mit Sicherheit nichts Lächerliches, auch wenn es oft lustig zugeht: „Manieren“ ist ein glänzendes Beispiel für intelligente Essayistik, und nicht nur einmal fühlte ich mich an Montaigne erinnert, als ich die scharfzüngigen Betrachtungen Asserates über „Die Dame“ oder „Den Herrn“, über „Das Malheur“ oder „Den Umgang mit Feinden“, um nur einige der insgesamt 35 Kapitel zu erwähnen, mit wachsender Spannung und Begeisterung auf mich wirken ließ.

Prinz Asfa-Wossen Asserate wuchs im Palast des äthiopischen Kaisers auf, musste seine Heimat nach der Revolution verlassen und lebt seit 1974 in Deutschland. Ein sehr gebildeter Mann, selbstredend mehrsprachig, im alteuropäischen Adel stets eine persona grata. Heute, nach fast 30 Jahren Europaerfahrung, ergründet er die Unterschiede zwischen deutschen und britischen oder auch französischen "Manieren", zwischen den nach wie vor wirksamen Standesunterschieden in unserer Gesellschaft, zwischen Männern und Frauen, Alten und Jungen, zwischen wirklich Höflichen und Snobs pointierter als wir Europäer dazu in der Lage sein könnten. Ihm geht es aber nicht um handfeste und möglicherweise bereits erstarrte Regeln. Solche erwähnt er zwar auch, doch Asfa-Wassen Asserate will in erster Linie um Aufmerksamkeit werben, Aufmerksamkeit uns selbst gegenüber bei gleichzeitiger Einbeziehung unserer Einbindung in unsere Gesellschaft(en). Deshalb gibt es bei ihm nicht nur Kapitel über „Betrunkenheit“ oder „Vulgarität“", sondern auch über "Gleichheit & Ungleichheit", nicht nur über die richtige "Begrüßung", sondern auch über das richtige, von Peinlichkeit freie „Loben“. Entstanden ist dergestalt ein kluges, weises, heiteres und nicht zuletzt durchaus erziehendes Werk von einem, der den Begriff "Ehre" sehr ernst nimmt - wie es jeder tun sollte, der gute „Manieren“ für mehr hält als Mittel zum Zweck. Ich ende mit einem Zitat aus Seite 75, das allein schon Werbung genug für ein wirklich besonderes Buch ist:

„Eine Untersuchung der Manieren hat sich nicht damit zu befassen, was schön wäre, wenn wir vollkommen wären, sondern mit den Möglichkeiten, von unserer Hinfälligkeit abzulenken. Manieren sind das Parfüm, das vergessen lässt, dass wir stinken, und wie beim Parfüm ist es klug, sich Manieren anzueignen, die mit den persönlichen Gegebenheiten nicht in kreischendem Gegensatz stehen, sondern sie glücklich ergänzen.“


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