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Tip des Monats Mai 2004

Ketil Björnstad
Villa Europa

Insel
Preis & Buchdaten

rezensiert
von

Christian
Oelemann
 
 
gebundenes Buch
 
 
 
 


Ketil Björnstad! Eine künstlerische Doppelbegabung, gleichermaßen zuhause in Musik (er ist diplomierter Konzertpianist und Komponist) und in Literatur (in Norwegen sind bislang an die zwanzig Prosawerke erschienen), gehört er zum Besten, was Europa zu bieten hat! Nun komm mal wieder auf den Boden, Oelemann!, werden Sie vielleicht denken. Übertreib mal nicht! „Villa Europa“ erschien kürzlich bei Insel, und lassen Sie mich meiner Begeisterung über dieses fulminante Buch dergestalt Ausdruck geben, dass ich dreifach „Ein Geschenk!“ herausbrülle. Björnstad und Insel haben uns ein Geschenk gemacht, für das ich ihnen nicht genug danken kann. Wenn Sie lesen, wissen Sie, was ich meine. Christiana (heute Oslo) im Jahr 1892 - Erik Ulven verlässt von einem Tag auf den anderen seine Frau, um mit dem Dampfschiff nach Antwerpen und weiter nach Italien zu reisen. Langeweile und eine amorphe Sehnsucht treiben ihn jahrelang quer durch Europa. Schließlich kehrt er in sein "Märchenschloss" auf Bekkelaget zurück. Seine ihn trotz bitterer Enttäuschung liebende Frau hat unterdessen eine Villa Europa daraus gemacht, jedes Zimmer hat sie in Ausstattung und Namen den Stationen seiner Odyssee nachgestaltet. Aber nun ist sie tot.
Bjørnstads Roman beginnt mit der Stimme von Erik Ulven, doch wird die Geschichte einer norwegischen Familie der Belle Epoque noch aus sieben weiteren Perspektiven erzählt, und das glänzend. . „Villa Europa“ verlängert Eriks Geschichte hinein ins 20. Jahrhundert. Der Roman besticht durch ein intelligent komponiertes, klangvolles Erzählgeflecht, das uns en passant die Krisen und Kriege des 20. Jahrhunderts ins Bewusstsein ruft. Am Ende erfahren Eriks Nachfahren im selben Haus vorm Bildschirm, dass der Golfkrieg ausgebrochen ist. Aber beileibe nicht nur das macht „Villa Europa“ zu einem Meisterwerk. Vor allem ergründet Björnstad den heute so oft beschworenen Unterschied zwischen den Geschlechtern dermaßen einfühlsam, dass ich immer wieder zurückblättern, Passagen nochmals lesen musste, wie man sich bestimmte Passagen einer Sinfonie am liebsten gleich wieder anhören möchte. Lektüre wird zu Musik (die tatsächlich immer wieder eine wichtige Rolle im Geschehen einnimmt). „Villa Europa“ ist zur Zeit uneingeschränkt mein Lieblingsbuch. Nie zuvor ist es mir so ergangen, dass ich nach Beendigung eines Romans keinen neuen Lesestoff akzeptieren wollte. Vielleicht war es ein Fehler, dass ich meinen Freunden von „Villa Europa“ erzählte, denn jetzt macht mein Exemplar die Runde, steht mir nicht zur Verfügung. Wie soll ich da wieder auf den Boden kommen? Vielleicht, indem ich mir eine CD von Björnstads Musik auflege ...



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