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Tip des Monats Juni 2004

Martin Mosebach
Ruppertshain

DTV
Preis & Buchdaten

rezensiert
von

Christian
Oelemann
 
 
gebundenes Buch
 
 
 
 


Ja wer sagt denn, es gäbe keine großen deutschen Romane mehr nach Thomas Mann oder Albert Vigoleis Thelen? Es gäbe keine virtuosen Formulierer mehr? Kennen Sie denn immer noch nicht Martin Mosebach? DTV sei Dank liegt uns jetzt auch sein zweiter, 1985 erstmalig erschienener Roman „Ruppertshain“ in einer sehr ansprechend gestalteten Taschenbuchausgabe vor. Ein wahrlich berauschendes Buch voller Ironie und Witz, auch wenn die Umstände eher düster sind.
Antonia ist eine gut aussehende und durchaus kultivierte Frau. Mit ihrer Mutter Stella war sie aus Kremsier nach Deutschland gekommen und nach ihrer Eheschließung mit dem Flugzeughändler Heinrich in dessen Villa nach Ruppertshain gezogen. Ein Fehler, meint Stella.
Als Antonia mit ihrem einzigen Kind (Ivanovitch) schwanger ist, beginnt sie ein Verhältnis mit Albrecht von Skrba, bleibt jedoch dabei, Heinrich nicht zu verlassen. Als bereits alle Bekannten trotz der Diskretion des Paares vom Verhältnis wissen, will Heinrich es immer noch nicht wahrhaben. Doch bald kann er die Augen nicht mehr davor verschließen, dass seine Frau und Albrecht von Skrba – an dessen fast ständige Anwesenheit in Ruppertshain er sich inzwischen gewöhnt hat – miteinander schlafen. Tagelang stehen seine fürchterlichen Drohungen im Raum, und Albrecht taucht einige Zeit nicht mehr in Ruppertshain auf. Aber dann lenkt Heinrich überraschend ein und meint, Albrecht habe ja schließlich keine goldenen Löffel gestohlen. Seit damals gehört Albrecht zu den Bewohnern der Villa, und wenn Heinrich keine Zeit hat, Antonia zu einer Abendgesellschaft zu begleiten, springt er ein.
Indes ist Heinrich vom Tode gezeichnet, und da er seine Geschäfte bei Lebzeiten nicht ordentlich geregelt hatte, stehen bald Bänker vor der Tür. Ungemach ist angesagt. "Ruppertshain" erinnert an ein morbides Genrebild, dennoch muss man lachen. Sprachgewaltig erzählt Martin Mosebach vom Leben in einer Villa aus der Gründerzeit, die von Immobilienhaien umlauert wird, die das weitläufige Anwesen parzellieren und fünfzig Bungalows darauf bauen wollen. Die sich verändernden Beziehungen der Beteiligten und die vernachlässigten Außenanlagen symbolisieren genial den Verfall der Gesellschaft. Während deren Ordnung sich auflöst, huldigt Martin Mosebach der literarischen Form und sprachlichem Schliff. Ein Meisterwerk! Nehmen Sie sich Zeit für diesen kolossalen Roman, von dem ich behaupte, dass er die „Buddenbrooks“ übertrifft.


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