![]() |
Tip
des Monats Oktober 2004
Bodo Kirchhoff |
||||||||||||||
|
Dass Bodo Kirchhoff ein begnadeter Erzähler ist, wissen wir. „Infanta“, „Parlando“ und „Schundroman“, um drei seiner wichtigsten Bücher zu nennen, sind längst mehr als Geheimtips, und wer sie nicht kennt, sollte das unbedingt nachholen. Jetzt aber geht es um Kirchhoffs neuen Roman, und ich kann nur sagen: Hut ab! Da hat einer die Messlatte sehr hoch gelegt und ist dann am Ende tatsächlich drüber gehüpft ohne zu reißen. Unglaublich! „Wo das Meer beginnt?“ Na, da wo Europa an seinem westlichsten Zipfel aufhört, in Portugal. An dieser Stelle wäre es beinahe zu einem Kuss gekommen, damals, bei der Klassenfahrt ... Vielleicht wäre dann alles anders gelaufen zwischen Viktor Haberland und Tizia Jentsch. Vielleicht wäre die Sache im Heizungskeller gar nicht geschehen. Nach der Theaterprobe. Irgendwas zwischen verunglückter Liebe und verunglücktem Sex, sagt Viktor über das, was er mit Tizia erlebt hat. Sie spricht von Vergewaltigung. Ein Fall für die Lehrerkonferenz. Soll Viktor der Schule verwiesen werden? Dr. Branzger bietet ihm einen Handel an: „Ich erzähle dir, mit Hilfe dieser Unterlagen und der Erinnerung, was in der Konferenz über dich gesagt wurde, und du erzählst mir, nur mit Hilfe der Erinnerung, was an dem Abend nach der Theaterprobe zwischen dem Mädchen und dir wirklich passiert ist.“ Das ist die zweite Erzählebene. In der dritten - zwölf Jahre später – reflektiert Haberland, Mitarbeiter des Goethe-Instituts Lissabon, über diese nächtelangen Gespräche mit seinem Lehrer, und natürlich über den Vorfall selbst. Anlass dazu sind ein vorzubereitender Vortrag über ‘Das traurige Ich', sowie das anstehende Wiedersehen mit eben jener Tizia, die noch keine Ahnung hat, wer sie erwartet. Ein packender Roman über die Liebe, ein sprachgewaltiges Bravourstück. Ich empfehle wärmstens Bodo Kirchhoff!
|