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Tip
des Monats Februar 2005
Jürg Beeler |
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„Realität ist die Illusion, die durch Mangel an Alkohol entsteht.“ Um ehrlich zu sein, ich kannte den Namen Jürg Beeler bis vor wenigen Wochen selbst nicht. Dass er in der Schweiz schon so manchen Literaturpreis bekommen hatte, war nicht bis zu mir vorgedrungen. Aber wenn auf WDR 5 über Bücher gesprochen wird, höre ich stets hin – und nun schwärmte da eine Redakteurin von Beele und seinem neuen Roman „Das Gewicht einer Nacht“. Was sie zitierte und wie sie über die Geschichte sprach, machte mich neugierig, ich witterte bereits einen Tip des Monats und bestellte mir das Ding auf der Stelle. Zunächst ein Schock: Das Cover ist eine einzige Unmöglichkeit in Sachen Geschmack; wer das Buch nur da liegen sieht in einer Buchhandlung, wird tunlichst die Finger von ihm lassen. Symbolik mit Frauenschuhen – das hat mich schon immer zur Weißglut gebracht – und doch, das Buch ist ein Knaller, um mein Lieblingswort zu gebrauchen. Eine literarische Entdeckung, besonders geeignet für Leser beiderlei Geschlechts mit eigener Liebeserfahrung. Der Umschlag lässt sich leicht entsorgen. Was dann bleibt, liest man mehr als einmal. Wir wissen am Ende von „Das Gewicht einer Nacht“ selbstredend eine Menge über den Ich-Erzähler, nur: wie der eigentlich heißt, erfahren wir nicht. Wohl, dass er Schweizer ist, mittlerweile kein ganz junger Kerl mehr, viele Jahre in verschiedenen Ländern zugebracht und dort jeweils teilweise unkonventionellste Berufe ausgeübt hat. Nach einem Unfall betätigt er sich als hinkender Reiseleiter in Zürich (wenn das keine Hommage an Albert Vigoleis Thelen ist, will ich mein Haupt schamvoll neigen). Eines Tages glaubt er aus dem Bus heraus seine ehemalige Geliebte Mira zu erkennen. Auf der Stelle werden Erinnerungen akut. Heftigst ! In der Liebe geht es ähnlich zu wie bei Stadtführungen, man kehrt sein Bestes nach außen und verschweigt das Kleingedruckte. Zunächst jedenfalls. Wir Leser lernen Enormes über die Geschichte Zürichs und der Schweiz, oft satirisch überhöht und deshalb um so wahrer. Aber in den Mittelpunkt rückt eindeutig Mira – und „Ichs“ Zeit mit ihr in Amsterdam. Der Erzähler hat in ihr und der kleinen Tochter eine ideale Kleinfamilie gefunden und lebt sich zunehmend in die Rolle eines (Ersatz-)Vaters ein. Miras etwas chaotische Art und ihre ironische Distanz begeistert ihn, und er ist, befallen von Liebe, zu jedem Zugeständnis bereit, sogar zur Heimischwerdung. Mira allerdings frönt einer stärkeren Leidenschaft als der Liebe: Ihrem Studium alter Schriften. Darüber rücken selbst Lebensabschnittsgefährte und Tochter ins zweite Glied. Es kommt zur Katastrophe: Sie verlässt ihn. Zwar gibt es am Ende – ich verrate da gewiss nicht zu viel, ein Wiedersehen, aber mit Happy-End hat das nichts zu tun. „Realität ist die Illusion, die durch Mangel an Alkohol entsteht.“ Ein Roman, der so beginnt, hat schon gewonnen, es sei, sie sind blaukreuzlerisch tätig. Jürg Beelers klärt auf vergnüglichste Weise über den Zusammenhang von Realität und Illusion auf, ganz egal, ob Tag, ob Nacht, ob nüchtern oder nach einer halben Flasche Rotem. Beeler, den Namen müssen wir uns merken, hätte wahrscheinlich ein recht bekannter Kritiker im Literarischen Quartett geäußert. Blödsinn. Nicht Beeler merken, Beeler lesen! Dann stellt sich das Merken doch von selbst ... Ronsdorfer Bücherstube, Staasstraße 11 , 42369 Wuppertal Telefon : 0202 / 246 16 03 Fax : 0202 / 246 16 04 |