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Tip des Monats Mai 2005

Heribert Prantl
Kein schöner Land

Droemer Verlag
Preis & Buchdaten

rezensiert
von

Christian
Oelemann
 
 
gebundenes Buch
 
 
 
 


Diesmal ein Sachbuch, liebe Freunde der buchkultur.de! Weil es auf den Nägeln brennt. Weil es exorbitant geschrieben ist und sich daher spannend wie ein Roman liest. Weil es von Heribert Prantl ist, meiner Meinung nach einer der besten Journalisten in diesem unseren Lande. Sie kennen Prantl nicht?
Prantl studierte Philosophie, Geschichte und Rechtswissenschaften, war von 1981 bis 1987 Richter an verschiedenen bayerischen Amts- und Landgerichten sowie Staatsanwalt. Seit 1988 ist er politischer Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung und dort seit 1995 Chef des Ressorts Innenpolitik. Zu seinen Auszeichnungen gehören u.a. der Geschwister-Scholl-Preis der Landeshauptstadt München (1994) und der Theodor-Wolff-Preis für essayistischen Journalismus 2001. Aber das ist nicht wichtig. Wichtig ist, wie scharf der Mann denken kann, und deshalb empfehle ich Ihnen von Herzen „Kein schöner Land“.

In seinem neuen Buch zeigt der Mittfünfziger mit unbestechlicher Beharrlichkeit auf, warum das Kind Deutschland im Brunnen liegt und wie es unter Umständen dort wieder herauszuretten ist. Deutschland ist kein armes Land, aber es gibt immer mehr Armut in Deutschland. Es ist eine andere Armut als die im 19. Jahrhundert. Armut hat heute viele Gesichter: der arbeitslose Akademiker; die ältere Sekretärin, die ihren Job verloren hat; die Alleinerziehende, die den Sprung ins Berufsleben nicht mehr schafft; der Langzeitarbeitslose, der Dutzende, oft Hunderte von vergeblichen Bewerbungen hinter sich hat; die „Bildungsarmen“ der neuen Unterschicht. Diese relativ Armen haben wenig gemeinsam. Armut ist nicht mehr milieu-bildend – deshalb hat sie sich in Deutschland nicht in eine politische Bewegung übersetzt. Diese Armen sind arm, weil sie ausgeschlossen sind aus einer Welt, die sich nur den einigermaßen Situierten entfaltet. Solche Exklusion ist demokratiefeindlich. Zum Reichtum: Die Grunddaten sehen so aus: Die untere Hälfte der privaten Haushalte verfügt über 2,5 Prozent, die obersten zehn Prozent der Haushalte hingegen verfügen über die Hälfte des gesamten Privatvermögens. Dieser Reichtum an der Spitze nimmt durch Erbschaften in sehr großem Maß zu. Die immer krassere Diskrepanz zwischen öffentlicher Armut und privatem Reichtum wird gefährlich für den inneren Zusammenhalt der Gesellschaft.
Eigentum verpflichtet, aber zu was? Zu nichts? Zu sozialem Handeln! Der Satz gehört zu den Kernsätzen unserer Verfassung. Er formuliert eine der wenigen Grundpflichten, die dort genannt werden. Ihm wird allerdings in der Praxis (und auch in der Verfassungsrechtsprechung der jüngeren Zeit) viel zu wenig Beachtung geschenkt.

Lassen wir uns doch nicht einreden, an der Wirtschaftskrise sei der Sozialstaat schuld. Prantl liefert die Fakten, mit denen wir im Streit mit den neoliberalen Kräften bestehen können.

Empfehlen Sie bitte Heribert Prantl weiter, denn es ist wichtig, dass allmählich die Vernunft wieder einzieht in unsere Köpfe.


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