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Tip des Monats Juni 2005

Marcelle Sauvageot
Fast ganz die Deine

Nagel & Kimche
Preis & Buchdaten

rezensiert
von

Christian
Oelemann
 
 
gebundenes Buch
 
 
 
 


Roger Willemsens Empfehlung auf WDR5 verdanke ich es, dass ich Marcelle Sauvageot entdeckt habe, und dafür umarme ich ihn. „Fast ganz die Deine“ heißt das schmale Bändchen, das nicht umfangreicher zu sein braucht, da es im Grunde alles über die Liebe aussagt, was über die Liebe ausgesagt werden kann, und wenn am Ende alle Fragen offen sind, dann sind es genau die in diesem kostbaren Werk aufgeworfenen.
„Fast ganz die Deine“ ist ein nie abgeschickter Brief der Sauvageot an ihren Geliebten, geschrieben im November und Dezember 1930. Er beginnt während Marcelles Fahrt zur Lungenheilstätte in Davos – wir kennen den Ort bestens aus Manns Zauberberg. Der Brief ist zunächst an einen Mann gerichtet, dessen Namen wir nicht erfahren; mal siezt sie ihn, dann duzt sie ihn wieder, lediglich den Kosenamen Bébé lesen wir, aber der steht nicht für ihn oder sie, der ist eine Kunstfigur, die die beiden Liebenden einte, als sie noch zusammen waren, heiraten wollten. Ebenso ist er an sie selbst gerichtet, hat Tagebuchcharakter, und möglicherweise ist er sogar an einen abstrakten Leser gerichtet, denn der Verfasserin wird wohl bewusst gewesen sein, dass sie sich in ihrem „Kommentar“, wie die Erstausgabe in Frankreich tatsächlich hieß, an etwas Großes herangewagt hatte – und diese Aufgabe glänzend meisterte.

Soeben hat sie durch seine Depesche erfahren, dass er eine andere heiraten wird, gern aber ihr Freund bleiben möchte.
In „Fast ganz die Deine“ antwortet Marcelle Sauvageot darauf, und diese Antwort ist vielleicht das Bewegendste, das ich über die Situation eines Ausgestoßenen, vor den Kopf Gestoßenen jemals las. Das Buch handelt von den entscheidenden Gegensätzen des Lebens, hier die Kranke, dort der Gesunde, hier die Frau, dort der Mann, hier die Gebende, die sich nicht in der Rolle der nur Gebenden gefallen mag, dort der Nehmende, der sich durch sein Nehmen als Gebender wähnt. Wer dabei was ist, spielt keine Rolle.
Ist „Fast ganz die Deine“ ein Monolog? Ein Dialog? Beides, möchte ich behaupten. Und das überwältigende Gefühl von Selbsterkenntnis, das sich bei mir einstellte, während ich las, rührt vielleicht gerade daher.

Marcelle Sauvageot starb 1934 in Davos an ihrer Tuberkulose. Ihr Buch lebt. Auf dem Beipackzettel, der freilich fehlt, könnte stehen: Bestens geeignet als Gabe anlässlich Hochzeiten und Beerdigungen, vorausgesetzt, Liebe ist oder war im Spiel.


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