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Psychologisch unklug ist es gewiss, seiner Empfehlung für einen Roman, dem man viele Hörer und Leser wünscht, eine Nörgelei voranzustellen. Dennoch: „Dr. Sex“, so der deutsche Titel des kürzlich bei Hanser erschienenen Meisterstücks aus der Feder von T. C. Boyle, ist völlig daneben. Das Original heißt „The inner circle“, und man hätte gut daran getan, sich an die amerikanische Vorgabe zu halten, etwa mit „Der engste Kreis“ oder meinetwegen „Zum engeren Kreis“. Gemeint ist der Kreis um den Sexualwissenschaftler Alfred Charles Kinsey. Diesem nämlich gehörte der Ich-Erzähler John Milk, von Boyle trefflich erfunden, an. Er berichtet, wie alles anfing und wohin es führte. Die prüden dreißiger Jahre im noch prüderen Amerika: John Milk, Student der Universität von Indiana, wird von der High-School-Schönheit Laura gefragt, ob er sich für ein Semester als ihr Verlobter ausgeben möchte. Denn verlobt zu sein ist die Voraussetzung, an einem der begehrtesten Kurse der Universität teilnehmen zu können: dem sogenannten „Ehevorbereitungskurs“ von Dr. Kinsey, einer Vorlesungsreihe, die sich hauptsächlich mit dem Thema „Sex“ beschäftigt. Der Hörsaal ist selbstredend zum Bersten von scheinverlobten Studentenpärchen gefüllt, die sich diese Veranstaltung nicht entgehen lassen wollen. Kinsey ist besessen von einer Idee: Um seine Sex-Forschungen auf eine verläßliche statistische Grundlage zu stellen, bittet er alle Studenten, einen Fragebogen auszufüllen, der – freilich die Anonymität der Befragten wahrend – Aufschlüsse über das sexuelle Verhalten der Amerikaner geben soll. Auch Laura und John kommen dieser Aufforderung nach. Milk wird binnen kurzer Zeit erste studentische Hilfskraft Kinseys und gehört damit zum „inner circle“ des von manchen vergötterten, vielen jedoch gehassten Wissenschaftlers. Milk, zwar täglich mit Intimstfragen beschäftigt, ist selbst noch unerfahren. Mittlerweile hat er sich tatsächlich verlobt, mit der katholisch erzogenen Iris, die sich vehement gegen voreheliche Kontakte sträubt. Drum macht Milk seine ersten eigenen Sexerfahrungen mit Mac, Kinseys Ehefrau, die, was das Alter betrifft, seine Mutter sein könnte. Monate später verliebt sich Iris ebenfalls in einen Mitarbeiter aus dem „inner circle“ und macht ihre eigenen außerehelichen Erfahrungen. Daran hat John trotz Kinseys Zurechtweisung hart zu knapsen. So viel zum Anfang. Mehr vom Geschehen verrate ich nicht. Sicherlich nennt Boyle, das Thema legt es nahe, immer wieder sexuelle Praktiken beim Namen und beschre ibt oft bis ins Detail, was bei geschlechtlichen Akten jeglicher Art passiert. Ni emals aber ist das pornographisch – Pornographie zielt ja auf die sexuelle Stimulation ihrer Kunden . W as in diesem herrlichen Roman passiert , amüsiert oder bestü r zt zwar, bietet gewiss einen spannenden Rückblick auf das Kriegs – und Nachkriegsamerika, macht uns nebenbei mit den Forschungen Kinseys vertraut (wer hat den Kinsey-Report heutzutage noch selbst gelesen?), stimuliert jedoch ganz sicher niemanden. Zu lesen ist das prima, zu hören jedoch ein noch größerer Genuss, denn John Milks Bericht von seiner Zeit aus dem engen Kreis von Dr. Kinsey wird von Jan Josef Liefers so packend und einfühlsam gesprochen, dass selbst Skeptiker des Mediums Hörbuch begeistert sind, wie mir eigene wissenschaftliche Erhebungen bewiesen. Genau das Richtige für vier oder drei oder zwei schöne Sommerabende, wenn es Ihnen nicht wie mir ergeht, der alle vier CDs gleich hintereinander weg hören musste. Ronsdorfer Bücherstube, Staasstraße 11 , 42369 Wuppertal Telefon : 0202 / 246 16 03 Fax : 0202 / 246 16 04 |