rezensiert
von
Christian
Oelemann

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2007 wird - zumindest in literarischer Hinsicht – ein großes Jahr werden, darauf können Sie sich schon freuen. Ich bin beim Sichten der Verlagsprogramme aus dem Jubeln kaum herausgekommen, verrate aber erst einmal nichts. Beginnen möchte ich das Jahr mit einem vergnüglichen Sachbuch über den „geistig-moralischen“ Zustand „in diesem unserem Lande“. Geschrieben hat es – mit durchaus spitzer Feder - der 35jährige Wirtschaftswissenschaftler Christian Rickens, bekannt vor allem als SPIEGEL-Journalist.
Wer sich anschaut, welche Sachbücher in den letzten Monaten die Bestsellerlisten erklommen, wird unweigerlich zu der Erkenntnis gelangen: Um Deutschland steht es verheerend. Ein Volk von Ellenboglern, wenig geneigt, sich fortzupflanzen. Egoismus regiert, Gemeinnützigkeit wird belächelt. Beseeltes Engagement für Vereine oder Parteien gibt es kaum noch, und überhaupt: Schluss mit lustig, früher war alles besser. Da hatte man noch Vertrauen in die Politik, da fühlte man sich im Kreis der Familie gut aufgehoben.
Christian Rickens sieht das zum Glück anders: "Es gibt keinen empirischen Beleg dafür, dass es in Deutschland so etwas wie einen Werteverfall gibt, im Gegenteil. Sozialforscher, die das Thema beobachten, stellen fest, dass das Wertegebäude in Deutschland über Jahrzehnte sehr stabil ist.“
Wunderbar, wie sich Rickens die Fahnenträger der „neuen Bürgerlichkeit“ einen nach dem anderen vorknöpft und ihre konservativen Schreckensszenarien unter die Lupe nehmend entlarvt. SPIEGEL-Kollege Matthias Matussek bekommt dabei ebenso sein Fett weg wie der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher und selbstredend der BILD am Sonntag-Schreiber Peter Hahne, die sich in einer Frage brüderlich einig sind: Schuld am Sittenverfall sind die Achtundsechziger.
Christian Rickens: "Muss eine schlimme Zeit gewesen sein damals. Deutschland war einer totalitären Ideologie verfallen, gewalttätige Horden regierten auf den Straßen (...)Traditionelle Werte und bürgerliche Kultur gab man der Lächerlichkeit preis, alles Alte sollte hinweg gefegt werden, um Platz zu machen für den stampfenden Rhythmus einer neuen Zeit…
Vielleicht müssen wir uns noch viel regelmäßiger bewusst machen, was für ein verkorkstes Land die Bundesrepublik der Wirtschaftswunderjahre wirklich war. (...) Ein Land, in dem noch 1966 das ehemalige NSDAP-Mitglied Kiesinger Bundeskanzler wurde, während der ehemalige Widerstandskämpfer Brandt als Vaterlandsverräter diffamiert wurde. Ein Land, in dem die spätere Bundesfamilienministerin Renate Schmidt von der Schule flog, weil sie schwanger war.“
Des Autors Antworten auf die Herren Hahne & Co sind frech, bisweilen gern auch unverschämt. Er riskiert zugegeben manche Unschärfe, in dem er pauschal argumentiert. Aber genau damit pointiert er die Auseinandersetzung, macht sie lesens- und bedenkenswert auch für den, der Rickens Meinungen nicht teilt.
"Ich sehe diese neuen Bürgerlichen oder neuen Spießer schon in der Tradition konservativer Bewegungen, die sich Missstände anschauen und dann der Gesellschaft die Schuld geben."
Ich wünsche mir viele Leser für „Die neuen Spießer“! Junge und vor allem auch alte. Hier ist nämlich ein Denker am Werk. Davon haben wir zu wenig in „diesem unseren Lande“.
Viel Spaß!
Ronsdorfer
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