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Tip des Monats März 2007

Urs Faes
Liebesarchiv

Suhrkamp
Preis & Buchdaten

rezensiert
von

Susanna
Erb
 
 
gebundenes Buch
 
 
 
 


Wer ist mein Vater?
Die Frage ist so alt wie die Frage nach dem Woher des Lebens.
Und sie bleibt ewig jung und aktuell.

Zehn Jahre nach dem Tod seines Vaters muß sich der immer schon auf Spurensuche gewesene ich-erzählende Protagonist, ein Autor, dieser Frage erneut stellen. Unerwartet taucht Anna Altmann in seinem Leben auf. Vor einer seiner Lesungen steht sie plötzlich vor ihm und gesteht ihm ihre Lebensliebe zu seinem Vater.
Wochenlang in Erinnerungen herumtastend und in Verwirrung verwickelt, entschließt er sich zu spät zu seinem Anruf bei Anna.
Nach deren Tod lädt ihre Tochter Vera ihn auf Wunsch der Mutter ein, sein Erbe, das von Anna hinterlassene „Liebesarchiv“ (eine Sammlung von Briefen und Andenken), anzutreten.
Gemeinsam erwecken Vera und er jene entscheidende Phase des Mannes, der ihrer beider Vater sein könnte, anhand des hinterlassenen Archivs zum Leben.
Ein Doppelleben blättert sich vor ihnen auf. Sie lernen einen Mann kennen, der ihr und ihm je ein ganz anderer Vater war und es Im Herkunftssinne doch vielleicht nicht war.
Der von der Vaterlücke stigmatisierte Autor (der Ich-Erzähler), webt nun, durch diese existentielle Frage erneut aufgerüttelt, ein Vater-Suchbild aus Kindheitserinnerungen, aus berufsbezogenen Vortragsbruchstücken und eigenen Liebeserfahrungen.
Seine Gefühle spiegeln weniger eine Abrechnung mit Vater und Mutter wieder als die Sehnsucht, die Familiengeheimnisse verstehen zu wollen: jenes entsetzliche Schweigen, mit dem seine Kinderfragen stets beantwortet wurden.
In einer leisen, zarten, poetischen Sprache folgen wir Leser ihm in jene Kinderzeit, in der der Vater plötzlich verschwand, in seine Verzweiflung und sein Alleingelassensein und seine Versuche einer Ablenkung vom Schmerz. Wir teilen mit ihm die Enttäuschung über die Rückkehr des Vaters, der zwar eines tages wieder anwesend war und dennoch immer abwesend blieb. Wir begleiten ihn als erwachsenen Mann auf den Spuren der Vaterentdeckung durch Annas Liebes-Hinterlassenschaft. Wir sehen ihm zu beim Versuch, den Vater, die Mutter und endlich sich selbst zu identifizieren. Wir wandern mit ihm zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her und fühlen uns, dank seines einfühlsamen Erzählens, in seinen ungeheilten Kinderschmerz ein und suchen und versuchen mit ihm die Antwort auf die Vaterfrage, seine und unsere.
Danke, Urs Faes, für dieses leise aufwühlende Erbstück!



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