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Tip des Monats Juni 2008

Margret Atwood
Moralische Unordnung

Berlin Verlag
Preis & Buchdaten

rezensiert
von

Christian
Oelemann
 
 
gebundenes Buch
 
 
 
 


Seit Volker Schlöndorff 1990 Margaret Atwoods Roman "Der Report der Magd" kongenial verfilmte, gehört die kanadische Erfolgsautorin hierzulande zu den meistgelesenen englischsprachigen Schriftstellerinnen. Ihre Arbeiten wurden mittlerweile in mehr als 30 Sprachen übersetzt und im Jahr 2000 erhielt sie für ihren Bestseller "Der blinde Mörder" über das Schicksal zweier Industriellentöchter den Booker-Preis.

„Moralische Unordnung“ wird zwar auf dem Deckblatt als Roman bezeichnet, in Wirklichkeit handelt es sich jedoch um eine Sammlung mehrerer, mehr oder weniger zusammenhängender Kurzgeschichten.
Nur die erste Geschichte bricht aus der Chronologie dieses Lebens aus. Sie zeigt ein älteres Paar, das aus dem Kanada der Gegenwart in der Phantasie der Frau plötzlich in die Spätzeit des Römischen Reiches versetzt wird: Die Barbaren kommen! Dann aber führt das Buch in die Kindheit der Erzählerin Nell, schildert die kluge, lebenstüchtige, aber ein wenig kühle Mutter, den praktischen, robusten Vater, einen Insektenforscher, und die viel jüngere, psychisch labile Schwester.
Als Nell das Elternhaus verlässt, verdient sie ihr Geld mit freier Lektoratsarbeit. Sie lernt den Mann ihres Lebens, Tig, kennen, der aber noch mit Oona verheiratet ist und zwei Söhne hat. Vor dieser Ehe läuft Tig nur sehr langsam davon, quälend lang dauert es, bis er sich wirklich trennt.
Diese „alte Geschichte“ von der Ehefrau und der Geliebten, wie Lillie, eine liebenswerte Immobilienmaklerin, es nennt, ist der Kern des Buches — und Lillie selbst ist ein Kabinettstückchen von Atwoods Porträtkunst. Aber da sind noch andere solcher Glanzstücke: Tig, der überaus gutwillige, aber gerade deshalb fast unerträgliche Mann, Oona, die Tig und Nell zusammenbringt, dann aber nicht aushält, was sie angerichtet hat, und schließlich die Tiere, Gladys, das trotzige Welsh Pony, und der neurotische Hund Howl.

Margaret Atwood schreibt lakonisch und distanziert. Sie beobachtet scharf und formuliert rücksichtslos Sie nimmt die Biografie ihrer Heldin zwar ernst, ohne die einzelnen Episoden zu Dramen aufzublähen. Und gerade das macht das Buch so wohltuend: Die Beschreibung dieses Lebens, mit all seinen Glücksmomenten, aber auch großen und kleinen Katastrophen, wirkt unsentimental, manchmal fast schon sarkastisch auf jeden Fall immens komisch. Keine langatmigen Interpretationsversuche, keine psychologischen Erklärungen, keine Wichtigtuerei. Stattdessen der fremde Blick - und ein Augenzwinkern, das wir von Seite zu Seite besser teilen.

Dieses Buch ist ein Leckerbissen für Leser, die auch Freude an John Irving haben . Gönnen Sie sich den Spaß!


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