rezensiert
von
Christian
Oelemann

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Als müsste eine hervorragende Autorin einfach heute Kathrin heißen! Nachdem ich höchst begeistert den mit dem deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman der Kathrin Schmidt ( Du stirbst nicht) gelesen hatte, fiel mir ein weiteres Buch einer Kathrin in die Hände, das ich sofort verschlang, weil ich seinen Vorgänger, Teuermanns Schweigen (Tipp des Monats April 2008), noch in bester Erinnerung hatte. Die Rede ist von Kathrin Gerlof und ihrem Buch Alle Zeit.
Ungeheuer beeindruckend! Eine mehr oder weniger ostdeutsche Familiengeschichte, die sich über fünf Generationen spinnt und sehr unterschiedliche, jedoch allemal spannende Biografien von zumindest vier Frauen (Juli, Elisa, Henriette und Klara) bietet; Svenja ist gerade erst geboren.
Meine Lieblingsfigur ist auf alle Fälle Klara, die Mitachtzigerin, die gar nicht weiß, dass sie eine Ururenkelin hat, die ohnehin bald gar nicht mehr viel weiß, weil sie in einem Altenheim ihrer völligen Demenz entgegensieht; Klara hat aber immer wieder noch wache Momente, die es ihr ermöglichen, noch am Ende ihrer Tage neugierig, dankbar einerseits und auch ein wenig traurig andererseits, eine Liebesbeziehung einzugehen. Aaron (seinen Namen kann sie sich nicht merken) ist ein alter Mitinsasse, ein Jude, der Wert darauf legt, am Ende aus historisch folgerichtigen Gründen verbrannt zu werden. Wunderbar, wie Kathrin Gerlof die Liebesnacht im Hotel schildert, in das die beiden Altersheimbewohner zu amourösen Zwecken ausbüchsen.
Klara hat ein schweres Leben hinter sich. Nach dem Krieg brachte sie sich und ihre kleine Tochter bis zur Wiederkehr ihres Mannes aus der Gefangenschaft als „Russenhure“ durch, ein Makel, den sie durch Anpassung an die neuen politischen Verhältnisse loszuwerden versuchte. Aber Spuren bleiben; sie wird ernstlich krank, bekommt beide Brüste amputiert und erduldet, dass ihr Mann sich anderen Frauen zuwendet, ohne ihm lästige Fragen zu stellen. Nach außen hin wird der Schein gewahrt. Er hatte bestimmte Details immerhin auch nicht wissen wollen. Das Nichtaussprechen wird zum roten Faden der Familiengeschichte und vererbt sich von Generation zu Generation. Elisa erfährt eher unfreiwillig bei einem Gespräch mit Henriette, von wem ihre Lebensliebe kurz vor der gemeinsam geplanten Republikflucht denunziert wurde – kurz bevor Mutter und Tochter bei einem Verkehrsunfall tödlich verunglücken.
Was bleibt, ist Juli, das junge Mädchen mit den grün gefärbten Haaren, das zu Beginn des Romans im Stadtpark eine alte Frau trifft, die ihm merkwürdige Dinge anvertraut und offenbar nicht mehr ganz bei Trost ist. Dass es sich um Klara handelt, weiß sie nicht, ahnt es aber vielleicht.
Ein wunderbarer Roman, der trotz der heiklen Thematik (Alzheimer – Deutsche Geschichte) nicht bedrückt, sondern oft sogar humorvoll erzählt, sehr behutsam und liebenswert. Danke, Kathrin Gerlof!
Ronsdorfer
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